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Mittwoch, 6. Juni 2012

kinofenster.de: Nazismus und Rassismus im deutschen Gegenwartsfilm

In dem realen Fall, den Andres Veiel 2006 in seiner Theaterverfilmung Der Kick (FSK 12) aufgreift, schien die Katastrophe hingegen vorprogrammiert. Veiel spürt den Hintergründen eines bestialischen Mordes nach, der sich 2002 im brandenburgischen Dorf Potzlow ereignete: Drei Jugendliche hatten einen Bekannten stundenlang gefoltert und schließlich mit einem "Bordsteinkick", den sie aus dem amerikanischen Spielfilm American History X kannten, getötet. Erst vier Monate nach der Tat wurde die Leiche in einer Jauchegrube gefunden. Angesichts der unfassbaren Brutalität des Verbrechens wählt Veiel eine stark abstrahierte Form der Umsetzung. Er benutzt den Text eines Theaterstücks, das er zusammen mit Gesine Schmidt anhand von Gesprächsprotokollen mit Beteiligten und Zeugen/innen verfasst hatte, und das 2005 uraufgeführt worden war. Auch den Film inszeniert der Regisseur wie für die Bühne: sehr minimalistisch, fast avantgardistisch. Die beiden Darsteller/innen Susanne-Marie Wrage und Markus Lerch spielen alle 20 Rollen. Er wolle die Täter, sagt Veiel, aus dem "Monsterkäfig" herausholen, in den sie die schockierte Gesellschaft gesteckt hat, um sich nicht mit den Ursachen der Gewalt beschäftigen zu müssen. Indem er sich ganz auf die Sprache authentischer Figuren stützt, funktioniert Der Kick wie ein Dokumentarfilm: Er seziert, wo Menschenverachtung und Intoleranz entstehen und wie sie wachsen.