Google+ Followers

Donnerstag, 26. Juli 2012

Kurt Drawert: Der entrissene Text IV

Für unsere Texte, die Literaturtexte sind, bedeutet ein Auftritt im Internet immer Verlust. Sie sind gewiss konsistent, arbeiten in sich selbst und wirken disparat, sie verlangsamen die Geschwindigkeit und stoppen die Zeit - aber sie können die Verweisungszeichen des Hintergrundes nicht ausschalten und unterliegen im Diskurs. Wie der Raum über das Bild und der Rahmen über den Inhalt mitverfügt, so verfügt das Medium über die Substanz, die es weiterleitet. Nicht unmittelbar, denn der Korpus bleibt abgeschlossen, und der Text bleibt der Text, aber dysfunktional. Wenn alles Diskursprodukt ist, und es gibt keinen Grund, das zu bezweifeln, dann löst das Medium seine Substanzen im Medium auf. Unser Text auf einer Seite ist eben ein anderer als auf einer site, denn er hat (prä)signifikative Konkurrenz (und gemeint ist nicht mehr die <stille> site eines Schreibprogramms am PC, sondern die site in einem Forum des Internets). Die beschriebene Seite Papier, abgelegt auf unserem Schreibtisch, kann absolut sein. Nichts greift sie an, was ausserhalb ihrer selbst ist. Allenfalls ein paar aufgeschlagene Bücher in näherer Umgebung könnten zu einem Anlass werden, Sätze zu vergleichen und ins Verhältnis zu den eigenen zu bringen. Aber alle diese Prozeduren sind bereits durchlaufen, das haben wir in zäher Mühe schon überwunden. Dieser gleiche souveräne Text aber, der eine Person symbolisch verkörpert, zerfliesst, sobald er in die virtuelle Maschine, in die Megabox eingespeist wird - er wird semantisch entrissen. Das Bild einer saugenden Röhre ist schon fast eine Generalmetapher für alle möglichen Horrorfilme. Ob Haus oder Zimmer, ob der Fernsehapparat, der Abfluss in der Badewanne, das Regenfass am Gartenzaun - alles kann sich deformieren zu einer rätselhaften Röhre, die in sich hineinsaugt und ins Jenseits schleudert, was ihr vor die Öffnung kommt. Diese monströse Phantasie aus der Kinowelt - real in derjenigen des www.

(Aus: Neue Zürcher Zeitung, 21. Juli 2012, S. 21)

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.