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Montag, 30. Juli 2012

Kurt Drawert: Der entrissene Text VIII

Die E-Mail ist zu einer Ersatzform des Briefes geworden, bequem in der Handhabung, in Denkgeschwindigkeit zu distribuieren, synchron zu den Ereignissen selbst. Das ist ihr gewaltiger technologischer Vorteil. Aber wartet sie oder ihr Sender tatsächlich so lange, wie die Oma auf den Briefträger gewartet hat? Geduldig und voller Demut, wenn heute wieder keine Nachricht kam? Oder ist sie nicht schon lange distinguiert durch ihre Form und eine ihr anhängende Gleichzeitigkeitslogik? <Komm, ich weiss, dass du da bist und meine message gelesen hast>, und so weiter und so fort. Die negative Rückkoppelung auf die Ordnung des Geschriebenen ist klar: Text wird überlesen. Buchstaben fehlen, ganze Wörter stehen falsch in ihrem Satzverband, hier und da ein Abbruch der Rede. Man nimmt es nicht so genau und <versteht> - fast wie jenes <Verstehen>, das sie semantischen Lücken ausfüllt, wie sie jeder Literaturtext bietet, nur dass es sich um keine Poesie dabei handelt, sondern um gestohlene Zeit durch Frequenzverdichtung. Denn die Geschwindigkeit setzt ja keine <neue> Zeit frei, sondern presst in die vorhandene ein vielfaches Pensum. Wir (analogen) Menschen haben ja noch immer sich verbrauchende (analoge) Organe in einer genetisch vorgeschriebenen, natürlichen Zeit, die sich stets relativierend auf die künstliche unserer digitalen Umwelt legt, und in einer Ökonomie der Zeit heisst Frequenzverdichtung eben auch Lebensverkürzung - wobei wir über die symbolische, das heisst <empfundene> Zeit noch gar nicht gesprochen haben, die Gedächtnis und Erinnerung miteinander verkoppelt. Diese auf E-Mail-Mass erhöhte Toleranz für Fehler und Formlosigkeit, wie könnte sie nicht weitergereicht werden auf andere Produkte? Denn das Paradoxe an dem Perfektionsruf, wie die Maschine ihn ausstösst, ist das Arrangement des users mit dem exakten Gegenteil dessen - der blanken Lustlosigkeit und Verluderung. Wir nehmen im Forum der Maschine generell und pauschal die Vorläufigkeit des Gedachten (Geschriebenen) so hin, aber damit fragmentieren wir noch die Fragmente und entziehen dem Text seinen letzten Vorrat an Bedeutung. Die stumme Forderung der Maschine nach Perfektion in einer von Perfektionen glitzernden Warenwelt erzeugt im Sprachgebrauch ihrer Antagonisten - den unabänderlichen Verfall.
(Aus: Neue Zürcher Zeitung, 21. Juli 2012, S. 21)


Mein Blog befasst sich in einem umfasssenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.