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Mittwoch, 1. August 2012

Thomas Assheuer: Die Moderne ist vorbei - Spätkapitalismus


Obwohl bereits von Werner Sombart (1863 bis 1941) in Umlauf gebracht, ist es ein berüchtigtes Reizwort aus den Theoriekämpfen der siebziger Jahre. Gemeint war damit, dass Demokratie und Kapitalismus keine natürlichen Verbündeten sind. Weil der Markt seine Krisen nicht allein lösen kann, halst er sie der Politik auf, die dann ständig gegensteuern und Nothilfe leisten muss. Am Ende ist der Markt gerettet - und die Demokratie beschädigt.

Bekanntlich war diese Diagnose richtig falsch: der Ausdruck <Spätkapitalismus> galt als schwerer terminologischer Missgriff, und auch Jürgen Habermas ließ ihn fallen wie eine heiße Kartoffel. In der Tat waren sowohl Markt wie Staat viel erfinderischer, als die Kritiker unterstellt hatten, und mit dem spektakulären Ableben des Kommunismus war das segensreiche Wirken des Kapitalismus ohnehin über jeden Zweifel erhaben.

Und doch erlebt die Rede vom <Spätkapitalismus> gerade ein Comeback, selbst nüchterne Wissenschaftler wie Jens Beckert, Armin Schäfer oder Wolfgang Streeck klopfen ihn wieder auf seine Tauglichkeit ab. Richtig an der Theorie des <Spätkapitalismus> ist für sie die Beobachtung, dass ein entfesselter, vom Staat <emanzipierter> Markt seine eigenen Bestandsvoraussetzungen nicht erzeugen kann und früher oder später zusammenbricht. Mit aberwitzigen Summen an Steuermitteln, die dann anderswo fehlen, müssen Regierungen den angeblich so effizienten und <rationalen> Markt vor sich selbst retten - und beschwören so jene <Krise in der Koexistenz von Demokratie und Kapitalismus> herauf, die mit dem Begriff <Spätkapitalismus> einmal gemeint war.

(Aus: Die Zeit, 26. Juli 2012, S. 52)



Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.