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Donnerstag, 23. Januar 2014

Klaus Meschkat: Der Fall Kissinger

Eine deutsche Universität hat sich bereitgefunden, durch die Namensgebung einer
hauptsächlich aus Mitteln  des Verteidigungsministeriums eingerichteten
Professur einen besonders fragwürdigen Politiker zu ehren. Henry Kissinger müßte
sich nach Ansicht seiner Kritiker eigentlich vor einem internationalen Tribunal
für seine Beteiligung bei der Anzettelung, Verlängerung und Ausweitung
verbrecherischer Kriege, für seine Komplizenschaft bei der Entstabilisierung
einer demokratischen Regierung und für seine Unterstützung mörderischer
Militärdiktaturen verantworten.

Die schweren Vorwürfe gegen Henry Kissinger werden von Zeithistorikern und
Politikwissenschaftlern erhoben, die sich gründlich mit den US-amerikanischen
Aktivitäten in Asien und Lateinamerika in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts beschäftigt haben. Hochschulautoritäten, die solche auf
quellengestützten Forschungen basierenden Erkenntnisse ignorieren oder
selbstherrlich beiseite schieben, stellen damit universitär betriebene
Wissenschaft und damit im Grunde ihre eigene Existenzberechtigung in Frage. Wenn
bundesdeutsche Minister bei der Bewertung von Henry Kissinger andere Maßstäbe
anlegen, die entweder unentschuldbarer Ignoranz oder politischem Opportunismus
entsprechen, sollten sie wenigstens davon absehen, auch noch als Förderer
völkerrechtsverpflichteter Forschung und Lehre aufzutreten.

In der Abwehr solcher Kritik sucht ein Sprecher der Universität zu Argumenten
Zuflucht,  deren Implikationen bedacht werden müssen. Kissinger als Person möge
ambivalent zu bewerten sein – „ausschlaggebend für die Professur ist jedoch vor
allem sein positives Wirken für Deutschland und insbesondere die
deutsch-amerikanischen Beziehungen“.  Einmal ungeprüft unterstellt, Kissinger
habe „für Deutschland“ positiv gewirkt – kann dies die Unzahl getöteter und
verstümmelter „Nichtdeutscher“ aufwiegen, die der von Kissinger zu
verantwortenden Politik in Asien und Südamerika zum Opfer gefallen sind?  Und
sogar bei einer eigentlich unvertretbaren Hinnahme der menschenverachtenden
Blickverengung auf „Deutschland“: War denn Elisabeth Käsemann, Tochter eines
Tübinger Theologen, keine Deutsche, als sie von den Schergen der argentinischen
Militärjunta 1977 bestialisch gefoltert und ohne Gerichtsverfahren hingerichtet
wurde? Dies und die Ermordung des Deutschen  Klaus Zieschank geschah, nachdem
US-Außenminister  Kissinger in einem Gespräch mit seinem Junta-Kollegen Guzetti
sein Verständnis für die repressiven Maßnahmen des Militärregimes bekundet und
seinen gegen dessen Exzesse protestierenden  Botschafter desavouiert hatte  –
all dies belegt durch Dokumente, die seit einem Jahrzehnt öffentlich zugänglich
sind.

Die Herren, die die Ehrung von Henry Kissinger durch die Universität Bonn zu
verantworten haben, könnten und müßten all dies wissen. Auch das zuständige
Ministerium in Nordrhein-Westfalen, auf dessen uneingeschränkte Zustimmung sich
der Referent des Rektors beruft. Die Tatsache, daß Henry Kissinger 1938 mit
seiner jüdischen Familie 1938 aus Nazideutschland fliehen mußte, läßt seine
spätere Komplizenschaft mit rechtsextremen Gewaltregimes erstaunlich erscheinen,
ist aber kaum geeignet, ihn zu entschuldigen. Kissingers Biographie wie auch
seine möglichen Verdienste um Maßnahmen entspannungsfördernder Außenpolitik etwa
im Verhältnis USA-China könnten bei einem möglichen internationalen Prozeß gegen
ihn vielleicht als mildernde Umstände gewürdigt werden, seine Verstrickung in
Kriegsverbrechen und Menschenrechtsverletzungen wird dadurch nicht aufgehoben.

Die Universität Bonn möchte einen Mann ehren, der durch seine nachweisbare
Beteiligung an der Vorbereitung des Sturzes von Salvador Allende auch
mitschuldig wurde an der Zerstörung des akademischen Lebens in Chile während der
Pinochet-Diktatur, an Verfolgung, Tod und Exil vieler chilenischer
Wissenschaftler.  Kissingers Ehrung zum Zeitpunkt des 40. Jahrestages  des
Pinochet-Putsches ist eine Verhöhnung seiner Opfer und ein Schlag ins Gesicht
derer, die den Putsch überlebt haben. Ein Skandal ist nicht nur das Verhalten
der Universität Bonn, sondern auch die weitgehende Gleichgültigkeit einer
demokratischen Öffentlichkeit in der Bundesrepublik, die trotz der
begrüßenswerten Aktivitäten eines vorwiegend studentischen  Protestbündnisses in
Bonn den „Fall Kissinger“ bisher kaum zur Kenntnis genommen hat."
 

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.