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Mittwoch, 29. Oktober 2014

Geschäft mit der Dummheit. Bertelsmann steigt mit E-Learning-Angeboten groß in den US-Markt ein. Konzern verspricht sich durch kommerzielle Bildung eine Milliarde Euro in fünf Jahren. Ralf Wurzbacher

Bertelsmann steigt groß in den US-Markt mit E-Learning-Angeboten ein. Konzern verspricht sich durch kommerzielle Bildung eine Milliarde Euro in fünf Jahren. Von Ralf Wurzbacher 

Bildung und Bertelsmann – ein Widerspruch in sich? Ganz gewiss, aber keiner, der sich im Kapitalismus nicht zu Geld machen ließe. Und wie: In der Vorwoche verkündete Europas führender Medienkonzern einen Coup, der ihm eine ziemlich profitträchtige Zukunft verheißt. Wie Vorstandschef Thomas Rabe bekanntgab, wird das Unternehmen die amerikanische Online-Plattform Relias Learning erwerben. Der Deal, für den es noch den Segen der Kartellbehörden braucht, soll bis Ende des Jahres unter Dach und Fach gebracht sein. Kommt es so, wäre dies die größte Transaktion der Gütersloher in den USA seit der Übernahme der Verlagsgruppe Random House vor 16 Jahren.

Nur geht es diesmal nicht um ihr klassisches Geschäftsfeld, sondern um den Bildungssektor. Der soll mittelfristig zur dritten Ertragssäule des Konzerns neben Medien und Dienstleistungen ausgebaut werden. Das weltweite Marktvolumen in diesem Bereich liegt laut Rabe bei »fünf Billionen US-Dollar« und weise »hohe Wachstumsraten« auf. Um dabei mitzumischen, nimmt der Konzern eine Menge Geld in die Hand, die Rede ist von einem »mittleren dreistelligen Millionen-Dollar-Betrag«. Das Handelsblatt bezifferte den Kaufpreis unter Berufung auf »Insider« mit »rund 550 Millionen Dollar«. Das soll sich schnell bezahlt machen. Bereits zu Jahresanfang hatte Rabe verlauten lassen, mit Bildung in den kommenden drei bis fünf Jahren eine Milliarde Euro erlösen zu wollen.

Mit der Akquisition von Relias Learning glaubt jetzt der Konzern, sich eine echte Geldmaschine zu angeln. Das Unternehmen sei mit 300 Mitarbeitern und 4000 institutionellen Kunden auf Internet-Schulungen für die Altenpflege und für Gesundheitsberufe wie Verhaltenstherapie und Behindertenbetreuung spezialisiert, heißt es in einem Pressestatement. Es biete circa 2500 unterschiedliche Online-Kurse, die jährlich mehr als 20 Millionen Mal absolviert würden. Rabe freute sich über einen »strategischen Meilenstein«. Der globale Markt für E-Learning hat nach seinen Angaben derzeit eine Größenordnung von knapp 20 Milliarden Dollar und wachse jährlich um bis zu 15 Prozent. Heute schon würden 22 Prozent der gesamten Aus- und Weiterbildungsstunden mittels E-Learning erledigt.

Erst vor einem Monat hatte die Bertelsmann AG mit der Beteiligung an der »privaten Online-Akademie« Udacity seine Ambitionen auf dem US-Markt unterstrichen. Das Startup-Unternehmen arbeitet unter anderem mit Google und Facebook zusammen und setzt ebenfalls auf Angebote in der beruflichen Bildung. Aktuell sollen 2,8 Millionen Menschen an den Udacity-Kursen teilnehmen, heißt es. Daneben agierert Gütersloh seit 2012 als Ankerinvestor zweier sogenannter University-Ventures-Fonds, die sich auf die Förderung von Studien- und Weiterbildungsprogrammen spezialisieren (jW berichtete). Damals schwärmte Rabe geradeheraus über einen Wachstumsmarkt, der angesichts »staatlicher Budgetkürzungen und der fortschreitenden Digitalisierung große Chancen eröffnet«. 

Für den Soziologen und Bertelsmann-Kritiker Steffen Roski ist der Einstieg in den amerikanischen Bildungsmarkt zugleich der Türöffner, um alsbald auch anderswo
Kasse zu machen. »Gelingt das US-Geschäft, dann wird dieses „Best-Practice-Beispiel“ in Europa und sonst wo Schule machen«, erklärte er im Gespräch mit junge Welt. Deshalb sei dem Konzern auch an einem zügigen Abschluss des transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP gelegen. Der Umweg über die USA eröffne ihm den »ungehinderten Marktzutritt im EU-Raum«. Entscheidende »Vorarbeit« auf dem Weg dorthin hat laut Roski die Bertelsmann Stiftung geleistet, die hierzulande Bildungsministerien, Schulbehörden und Hochschulen berate. »Damit sind die institutionellen und politisch-personalen Rahmenbedingungen in jahrzehntelanger Lobby- und Netzwerkarbeit geschaffen worden, um den “Bildungsmarkt" ungehindert von öffentlicher Diskussion zu erobern.«

Tatsächlich legt sich die »gemeinnützige«, steuerlich begünstigte Bertelsmann Stiftung hierzulande seit langem dafür ins Zeug, das öffentliche Bildungswesen nachhaltig in Verruf zu bringen und privatwirtschaftliche Anschauungen und Akteure bei Entscheidungen rund um Einrichtungen von Kita, Schule bis zur Uni zu etablieren. Ob die »selbstständige Schule« oder die »unternehmerische Hochschule« – bei fast jeder »Innovation« im Bildungsbereich hat Bertelsmann die Finger im Spiel und die örtlichen Verantwortlichen auf Kurs gebracht. So hat etwa die durch die Stiftung gepäppelte neoliberale Denkfabrik Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) großen Anteil daran, dass an Deutschlands höchsten Bildungsanstalten Managementstrukturen, Wettbewerb und eine exzessive Drittmittelförderung Einzug gehalten haben. Auch »Reformen« wie die Exzellenzinitiative zwecks Hierarchisierung der Hochschullandschaft sind auf maßgebliches Betreiben der Gütersloher ins Werk gesetzt worden.

Das »Engagement« der Stiftung dient letztlich nur dem einen Zweck: Das Feld wird bestellt, auf dem der Konzern ungehindert seiner Geschäftemacherei nachgehen kann. Die Masche ist dabei so plump wie augenscheinlich erfolgreich. Zum Beispiel gab die Stiftung im Vorjahr eine Studie zum Thema Nachhilfe in Auftrag, mit »alarmierenden« Befunden und dem Schluss, dass die Ausgaben dafür ein »teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung« seien. Derweil betreibt die einstige Bertelsmann-Tochter Scoyo eine gleichnamige Internet-Lernplattform nach dem Motto: »Mit Spaß zu guten Noten.«

Weil der Laden nicht so lief wie gedacht, trat ihn der Konzern vor fünf Jahren an SuperRTL ab. Der »Familiensender« betreibt im Netz den Toggolino Club mit Lernspielen für Vorschulkinder – und ist über Umwege weiterhin mit der Bertelsmann AG verstrickt. Das zu durchschauen, braucht es gar nicht einmal so viel Krips. Vielleicht wäre das ja ein Fall für Mario Barth. Der ist neuerdings »Steuerverschwendern auf der Spur«, bei RTL. Soviel zu Bildung und Bertelsmann.  (Oder: Dümmer geht´s nimmer.)