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Montag, 19. Januar 2015

Joachim Güntner: Reflexe einer verunsicherten Mittelschicht. Pegida hat die Montagsdemonstrationen gekapert - das DDR-Erbe zeigt dabei unerfreuliche Seiten

"Erwünscht ist, dass man sich anpasst. Differenz erscheint schnell als Obstruktion. Seit sieben Jahren lebe ich in Sachsen, und ich kenne kein Bundesland, wo die Lust am Massregeln so ausgeprägt wäre. Dass mir einer der Leipziger Wortführer im Vieraugengespräch über Bildung und Erziehung bekannte, er 'wolle ja kein Kind prügeln, aber es in die Ecke zu stellen', wenn es etwas falsch gemacht habe, sei geboten, passt nur zu gut ins Bild. In den Schulen ist diese Praxis keineswegs ausgestorben. Belehrung durch Beschämung, Zurechtweisung als Demütigung. Strenge reimt sich hier auf Enge - Enge des Herzens, Mangel an Empathie, Freude am Gehorsam. Nur scheinbar steht diese Haltung quer zur Opposition gegenüber staatlicher Bevormundung. Sie verteägt sich durchaus mit dem Verlangen nach Plebisziten oder der Wahl von Richtern durch das Volk (beides sind Programmpunkte in Leipzig). Geht es um die Wahrung eigener Interessen, ist Anti-Etatismus kein Problem. Ordnungsliebe, die nach dem Staat ruft, indessen ebenso wenig. Die 'Patriotischen Europäer' sind vehement für mehr Polizei."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/reflexe-einer-verunsicherten-mittelschicht-1.18463714