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Sonntag, 6. Oktober 2013

Jens Wernicke: Neue Rhetorik macht Bildungsreform-Versprechen nicht besser - Didaktikprofessor Jochen Krautz über aktuelle "Bildungsreformen" und die katastrophale Situation im Bildungsbereich

Beim "selbstgesteuerten Lernen" hören wir an der Oberfläche Selbstständigkeit und damit verbunden Mündigkeit, Kritikfähigkeit, Verantwortlichkeit etc. Also alles Ziele, die man gut teilen kann. Wie aber soll das erreicht werden? Die Protagonisten mit ihren "Modellschulen" zeigen es: In großraumbüroähnlichen "Lernateliers" sitzen die Schüler an einzelnen Arbeitsplätzen und arbeiten ihre Arbeitsblätter nach Wochenplänen ab. Es gibt Computer für jeden und jeden Tag einen "Input" vom "Lerncoach", so heißen dann die Lehrer. Die seien nun vor allem "Lernbegleiter", und üben also, so die unterschwellige Botschaft, nicht mehr normierenden Zwang im "Frontalunterricht" aus. All das führt aber nicht notwendig zu wirklicher Selbstständigkeit, sondern in der Situation real existierender öffentlicher Schulen viel eher in ein Setting aus Verwahrlosung und modernisierter Selbststeuerung, was so ziemlich das Gegenteil von Selbstständigkeit darstellt. Denn die Schüler arbeiten nach wie vor nach von außen gesetzten Vorgaben. Sie bewerten sich nun aber selbst, indem sie ihre "Kompetenzen" in Raster eintragen, womit sie die ihnen von außen vorgegebene Bewertung jedoch nur selbst nachvollziehen. Herrschaft verschwindet also nicht, sondern wird vielmehr unsichtbar gemacht und von den Kindern und Jugendlichen, denen man das dann als "Freiheit" verkauft, schlicht internalisiert. Die Parallele zur ökonomischen Ich-AG liegt gut auf der Hand. Die Bildungsteilnehmenden werden hier, so will es scheinen, mehr und mehr zum modernen "Selbstunternehmer ihrer Bildung" gemacht; der ist dann aber auch für alles selbst verantwortlich etc. Diese Selbstverantwortungsrhetorik, die den Sozialstaatsabbau funktionell flankierte, ist Ihnen ja hinlänglich bekannt und von Foucault früh analysiert worden.

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.