Samstag, 21. März 2015

Sebastian Loschert: Der Wotan in uns. In allen Gesellschaftsschichten ist Esoterik angesagt. Das macht ihre Nähe zum rechten und verschwörungstheoretischen Gedankengut umsongefährlicher.

"Der Wunsch der rechtsextremen Esoteriker, in die Wälder Germaniens zurückzukehren, wird etwa am Sortiment des Versandhauses der 'Deutschen Stimme', dem Organ der NPD, deutlich. Da gibt es von Wurzelholzschalen, Feenfiguren, Thorhämmern bis Odin-Wanderstäben alles, was das regressive Herz begehrt. Neben dem Neo-Paganismus, der der jüdisch-christlichen Religion als weniger abstrakt, 'natürlicher' oder 'artgerechter' entgegengesetzt wird, hat auch die Ökologie eine lange Tradition in der rechten Szene. Neuheidentum und braune Ökologie finden sich heute in der Bewegung der 'völkischen Siedler' zusammen, die in verwaisten ländlichen Gebieten einen 'arischen' Lebensstil pflegen."

Quelle: Jungle World, 19. März 2015 (Nr. 12, 19. Jg.), S. 5.

Uwe Justus Wenzel: Das Kreuz mit dem Kopftuch. Der weltanschaulich neutrale Staat und die pluralistische Gesellschaft.

"Einen Generalverdacht gegen ein bestimmtes Erscheinungsbild von Lehrpersonen auszusprechen, so die Richter, sei unzulässig. Für ein Verbot des Kopftuchs reiche dessen 'bloss abstrakte Eignung zur Begründung einer Gefahr für den Schulfrieden oder die staatliche Neutralität' nicht aus. Es müsse eine 'konkrete Gefahr für die Schutzgüter' gegeben sein, zu denen auch die 'negative' Glaubensfreiheit der Schüler und Eltern zählt. Denkbar sei allenfalls, dass aufgrund 'substanzieller Konfliktlagen' in bestimmten Schulbezirken für eine gewisse Zeit 'religiöse Bekundungen' generell unterbunden werden."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/der-weltanschaulich-neutrale-staat-und-die-pluralistische-gesellschaft-1.18506702

Stefan Mogl & Oliver Thränert: Die Rekonstruktion eines Pockenvirus. Zukünftige biochemische Waffen sind eine Herausforderung, auf die Regierungen kaum vorbereitet sind

"Die wachsenden Überschneidungen zwischen Chemie und Biologie werden besonders dann sichtbar, wenn - vereinfacht ausgedrückt - Biologie Chemie produziert und Chemie Biologie. Chemikalien werden mithilfe biologischer Katalysatoren hergestellt, wie etwa Enzymen, oder mithilfe sich selbst vermehrender Orgamismen. Bekannte Organismen werden verändert, damit sie Chemikalien produzieren können. Umgekehrt wird es möglich, Organismen chemisch herzustellen. So gelang Forschern bereits 2002 mithilfe einer Bauanleitung aus dem Internet, frei zugänglichen Genom-Daten sowie gewöhnlichen Labormaterialien der Nachbau des Poliovirus. Dieses Virus gehört zwar zu den am einfachsten aufgebauten Organismen, doch erscheint es grundsätzlich möglich, auch komplexere Viren, beispielsweise das Pockenvirus, zu rekonstruieren. Da Pocken seit 1980 aus ausgerottet gelten und seitdem keine Impfungen mehr stattfanden, hätte dies weitreichende Folgen: Staaten oder auch Terroristen könnten Pocken absichtlich ausbringen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/die-rekonstruktion-eines-pockenvirus-1.18505948

Freitag, 20. März 2015

Peter A. Fischer: Die EZB ist nicht ganz unschuldig. In Frankfurt entlädt sich blinder Zorn gegen die falsche Institution. Indem sich die EZB von der Politik instrumentalisieren lässt, macht sie sich aber angreifbar.

"Nun gehört die Einsicht, dass Geldpolitik am besten von kompetenten, unabhängigen und damit dem politischen Tagesgeschäft entzogenen Zentralbanken wahrgenommen wird, zu den am wenigsten umstrittenen Eckpfeilern der Wirtschaftswissenschaften. Doch viele Notenbanken - und ganz besonders die EZB - sind seit der Finanzkrise Opfer ihres eigenen Erfolgs geworden. Weil sie als einzige schnell handlungsfähig erschienen, hat die Politik immer neue Aufgaben auf sie abgeschoben. Damit einher gingen und gehen immer kompliziertere Interessenkonflikte, die mit eigentlicher Geldpolitik wenig zu tun haben. Wenn Draghi und seine Kollegen nach informellen Diskussionen mit Finanzministern und Regieringschefs die Märkte mit zusätzlichem Geld fluten, um Zinsen zu drücken und überschuldeten Regierungen das Leben zu erleichtern, fällt die geldpolitische Begründung dafür wenig glaubwürdig aus. Und auch wenn sie davon absehen, von ihnen beaufsichtigte Banken für insolvent zu erklären, bloss um ein nationales Bankensystem vor dem Kollaps zu bewahren, fällen sie (fiskal)politische Entscheide. Sie dürfen sich dann auch nicht wundern, wenn ihnen plötzlich die Macht zugesprochen wird, 'Austern für alle statt Austerität' zu bescheren, wie es ein Plakat in Frankfurt forderte. Es ist dann auch keine grosse Überraschung mehr, wenn Rufe nach einer Politisierung der Zentralbank lauter werden."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kommentare/ezb-ist-nicht-ganz-unschuldig-1.18505102

Andres Wysling: Staatliche Falschmünzer in Spanien

"Das Jahr 1945 markiert in Spanien kein Kriegsende und keinen Friedensbeginn, das Land nahm am Zweiten Weltkrieg nicht teil. '25 Jahre Frieden', liess jedoch der Putschist und Diktator Franco im Jahr 1964 verkünden, ein Vierteljahrhindert nach seinem Sieg im Bürgerkrieg 1939. Seine Anhänger behaupteten nach seinem Tod im Jahre 1975 dreist, das Franco-Regime habe Spanien '40 Jahre Frieden' gebracht - in dieser Zeitspanne hatten auch die drei Bürgerkriegsjahre Platz. Die Nachkriegsjahre mit Unterdrückung und Arbeitslagern waren im Einparteistaat des Alleinherrschers auch nicht gerade eine himmlische Zeit."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/staatliche-falschmuenzer-in-spanien-1.18505242

Donnerstag, 19. März 2015

Kathrin Klette: Wie Twitter mein Leben ruiniert

"Warum haben 'Likes' und 'Favs' eine solche Macht? Weil sie unsere Seele streichelten, sagen Joseph Grenny und David Maxfield, die Autoren der Studie ('Mashable'; SR), und sie seien deshalb so verführerisch, weil im Alltag viel mehr Aufwand nötig sei, um dasselbe Gefühl zu verspüren. Wer aber ständig nach einer Social-Media-Trophäe suche, sei tendenziell weniger zufrieden."

Quelle: http://www.nzz.ch/panorama/alltagsgeschichten/wie-twitter-mein-leben-ruiniert-1.18504293

Lothar Funk: Unterminiert Stupsen die liberale Ordnungspolitik? - Verhaltensökonomische Erkenntnisse gewinnen in der Wirtschaftspolitik an Bedeutung.

"Der traditionelle Ansatz eines immer rationalen individuellen Verhaltens gerät seit einiger Zeit zunehmend in die Defensive. Mehrere Denkschulen treten dafür ein, dass der Staat Menschen durch entsprechende Änderung von Anreizen in eine langfristig 'bessere' Richtung lenken soll. Dabei handelt es sich einerseits um moderne Verfechter der Meritorik wie etwa die Kölner kritizistisch-teleologischen Sozialpolitiker um Frank Schulz-Nieswandt. Sie rechtfertigen effizienzsteigernde Markteingriffe mit der Legitimation demokratisch gewählter Politiker. Andererseits liefert auch die neue Debatte zu den Grundlagen eines 'guten Lebens' Rechtfertigungen für staatliche Eingriffe und betont, dass der Staat oft sowieso ethische Entscheidungen treffen müsse."

Quelle: http://www.nzz.ch/wirtschaft/ist-stupsen-illiberal-1.18504507

Mittwoch, 18. März 2015

Peter Glaser: Abschied vom Abschied

"Die sogenannten sozialen Netzwerke machen uns gegenwartssüchtig. Sie geben uns eine neue Identität als Online-Wesen, und die Erfindung dieser neuen Identität ist das, was ein System wie Facebook so immens erfolgreich macht. Auch die Zigarettenindustrie hatte Erfolg mit einer neu geschaffenen Identität: dem Raucher. Wer diese Identität ablegen wollte, hatte - neben dem physischen Entzug - vor allem damit zu kämpfen, dass er ein 'Nicht-' war, ein Nicht-Raucher. In Wahrheit ist, wer das Rauchen aufgibt, wieder ein Luftatmer, aber das ist so selbstverständlich, dass es niemandem mehr auffällt."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/abschied-vom-abschied-1.18504131

Ina Rogg: Gestärktes kurdisches Selbstbewusstsein. Der Sieg gegen die Jihadisten in Kobane hat auch den türkischen Kurden Auftrieb gegeben und die Grenzen aufgeweicht

"Der Reformwille Erdogans und der AKP ist freilich seit langem erlahmt. Statt die Demokratisierung des Landes voranzutreiben, haben sie den Rückwärtsgang eingelegt. Ausdruck ist nicht zuletzt das heftig umstrittene Sicherheitsgesetz, das die AKP just auf den Weg brachte, als die Kurden gegen die türkische Blockade auf der Strasse nach Kobane protestierten. Mehr als dreissig Demonstranten verloren bei den Ausschreitungen Anfang Oktober ihr Leben. Das Gesetz sieht unter anderem eine Stärkung der von der Regierung eingesetzten Gouverneure vor. Diese könnten die gewählten Kommunalvertretungen faktisch entmachten - ein probates Mittel, um unter anderem gegen unangenehme, von Kurden dominierte Stadtverwaltungen im Südosten der Türkei vorzugehen. Es wäre ein Rückfall in die neunziger Jahre. Dabei verkennt Erdogan, dass sich die Kurden heute noch weniger in die Knie zwingen lassen als damals. Die PKK ist so stark wie seit Jahren nicht mehr, und das nicht zuletzt wegen des Konflikts in Syrien."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 18. März 2015 (Nr. 64, 236. Jg.), S. 7.

Dienstag, 17. März 2015

David McWilliams: Auf Wiedersehen? Never

"In fact, our 15 years’ experience with the euro have been 15 years of massive economic instability. It has been a chaotic period of seven years of unsustainable boom, followed by a year of meltdown and then seven more years of recession, unemployment, emigration and public service cutbacks.

The only reason the economy is growing strongly now is because England and America – our major trading partners – are growing strongly. When you hear politicians talking about the Irish economy, and saying we are the fastest growing economy in Europe, it is meaningless, because we aren’t a European economy at all. We are an Anglo/American economy, with a European exchange somehow grafted onto us."

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Roman Bucheli: Der Zeitgeistmesser. Oder warum das Buch zum Film kommt

"«Kruso» geht darum den gleichen Weg, den vor Lutz Seilers Roman schon Uwe Tellkamp mit «Der Turm» und Ursula Krechel mit «Landgericht» gingen. Die drei Romane stehen in einer Reihe: Sie gewannen den Deutschen Buchpreis, beleuchten die deutsche Geschichte aus ungewöhnlicher Perspektive und wurden oder werden als grosse Bucherfolge nun auch für das Kino- oder Fernsehpublikum (noch einmal) aufbereitet. Es wird nicht daran liegen, dass sie allesamt Bestseller waren. Auch Thomas Hettches Roman «Pfaueninsel» stand im Herbst lange weit oben auf der Bestsellerliste, und das filmische Potenzial seines Plots ist unbestritten. Und Angelika Klüssendorf hat in ihrem Roman «April» ihrerseits im letzten Jahr ein Sittenbild aus der DDR gezeichnet, das man sich auch auf einer Leinwand hätte vorstellen können."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/der-zeitgeistmesser-1.18503297

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Volker M. Heins: Der langwe Krieg um Vielfalt. Warum ein wohlverstandener Multikulturalismus auch in Zeiten des islamistischen Terrors aktuell ist.

"Eine solche Forderung ist aus drei Gründen kontraproduktiv: Zunächst ignoriert die Polemik gegen den Multikulturalismus die Tatsache, dass der Multikulturalismus historisch bereits eine Antwort auf das Scheitern eben jener Assimilationspolitik war, die heute wieder gefordert wird. Zweitens verkennt sie das Wesen des neuen Terrorismus, womit sie ihn zugleich bagatellisiert. Drittens wird etwas Entscheidendes übersehen: Nur ein liberaler Umgang mit kulturellen Differenzen verspricht, dass sich Einwanderer und ihre Kinder in den Staaten, deren Bürger sie sind oder werden wollen, zu Hause und aufgehoben fühlen.Die grosse historische Alternative zum Multikulturalismus war das Projekt der Assimilation, verstanden als Einschmelzung und Überwindung der Sitten und Gewohnheiten von Einwanderern oder widerspenstigen einheimischen Gruppen wie etwa Ureinwohnern. Dieses Projekt muss im historischen Kontext des europäischen Kolonialismus gesehen werden. Assimilation war ursprünglich gleichbedeutend mit Zivilisierung.Tatsächlich scheint der Begriff der Assimilation erstmals im Vokabular des britischen Empire aufgetaucht zu sein, dessen Führer nach dem Verlust der amerikanischen Kolonien entschlossen waren, die Zügel straffer anzuziehen und sich nun auch der «Kulturarbeit», wie der deutsche Kolonialbegriff lautete, zu widmen. Assimilation wurde zur Losung einer Neugründung des Empire, dessen erstes Experimentierfeld die heutige französischsprachige Provinz Quebec in Kanada werden sollte. Ausgerechnet die Nachkommen eingewanderter katholischer Bauern aus der Normandie und der Bretagne glaubte man zu Engländern machen zu können, bevor man den Quebecern dann doch frühzeitig Sprachautonomie und Religionsfreiheit zusagte."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/der-lange-krieg-um-vielfalt-1.18502730

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Tobias Feld: Ein Vogel macht Politik. Im Zuge der deutschen Energiewende boomt die Windkraft - die Windräder sind Vogelschützern jedoch ein Dorn im Auge

"Selbst in Ludwig Sothmann hat die Windenergie einen überzeugten Befürworter gefunden. Geboten sei allerdings eine kluge Standortwahl. Grundsätzlich halte die Galionsfigur der Naturschützer als langjähriger Vorsitzender des Vogelschutzbundes LBV diese regenerative Energieform für unerlässlich bei der Energiewende. «Die Windkraft», sagt der 74-Jährige, der auch der Fachagentur Wind an Land vorsteht, «ist die wirksamste und ertragreichste.» In der Zwischenzeit habe bei den Naturschützern ein Umdenken eingesetzt. Die grösste Sorge bereite ihnen mittlerweile der Klimawandel und das dadurch forcierte Artensterben. Mit der Pflege von Biotopen sei es da nicht mehr getan."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/deutschland-und-oesterreich/ein-vogel-macht-politik-1.18503586

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Daniel Wechlin: Die Kreml-Astrologie im Hoch. Die russischen Demokratiedefizite befeuern jede noch so abstruse Spekulation über Präsident Wladimir Putin

"Die Aufregung in den sozialen Netzwerken ist gross. Wo ist Wladimir Putin? Der russische Präsident zeigte sich zum letzten Mal am 5. März mit dem italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi in Moskau in der Öffentlichkeit. Daraufhin wurden mehrere Termine ohne Gründe abgesagt, etwa eine Staatsvisite in Kasachstan oder die Unterzeichnung eines Kooperationsvertrages mit Südossetien. Seither überschlagen sich die Gerüchte über seinen Verbleib. Die Mutmassungen bedienen jeden Geschmack. Während die einen meinen, Putin stecke im Lift zum Regierungsbunker unter dem Kreml fest und seit Tagen werde versucht, einen Rettungsstollen zu bohren, spekulieren andere über eine Palastrevolte, eine Entführung durch Ausserirdische, über eine schwere Krankheit oder gar über das Ableben des 62-jährigen Kreml-Chefs."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/die-kreml-astrologie-im-hoch-1.18502775

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Montag, 16. März 2015

Wolfgang Ulrich: Schönsein als Kulturtechnik. Ob Fitness, Botox oder OP - die Arbeit am Körper ist nicht nur ein Zwang, sie macht den Menschen auch frei.

"Zwei Umstände haben diese Veränderung begünstigt. Da 'Schönheit' seit mehr als zehn Jahren vor allem in Casting-Shows verhandelt wird, angehende Models also immer im Plural auftreten, genügt es allein deshalb nicht, schöne Beine und makellose Gesichter zu zeigen. Es bedarf zusätzlicher Kriterien der Unterscheidung; in der direkten Konkurrenz müssen die Kandidatinnen über etwas verfügen, das sie interessant und unverwechselbar macht: Ihr Vorleben soll ungewöhnlich oder schwer gewesen sein, oder sie haben bereits auf anderem Weg ein wenig Prominenz erlangt. Das an sich stabile Schönheitsideal erhält so jeweils eine andere Färbung, einzelne Merkmale wie Haut, Lächeln, Motorik werden abhängig von der Geschichte, die ein Model zu erzählen hat, verschieden wahrgenommen.

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/schoensein-als-kulturtechnik-1.18502682

Marc Zitzmann: Brutstätten für Terrorismus? Der Pariser Soziologe Farhad Khosrokhavar zum Thema "islamischer Radikalismus und Gefängnis"

"So zeitigt das Gefängnis bisweilen eine Mutation, bei der der Hass vom Profanen ins religiöse Register überwechselt. 'Diese Mutation', schreibt Khosrokhavar in 'Radicalisation', 'ist ungleich gefährlicher als die Devianz oder atomisierte Delinquenz von Individuen, die sich bereichern und auf das Niveau der Mittelklasse hieven wollen, von der sie sich zu Unrecht ausgeschlossen fühlen durch die Böswilligkeit und den Rassismus der restlichen Gesellschaft. Ohne einen Seelsorger, der die Sakralisierung des Hasses verhindert, läuft das labile Individuum, das nur Ausgrenzung und verinnerlichte Nichtswürdigkeit gekannt hat, Gefahr, seine Wut und seine Rachegelüste in totalisierender Form umzuschreiben: ein Jihadist zu werden.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/brutstaetten-fuer-terroristen-1.18502647

Samstag, 14. März 2015

Christoph Türcke: Schrecken, Schuld und Schlachtopfer. Eine kleine Geschichte des Geldes

"Das Wort 'Geld' kommt nicht, wie viele meinen, von 'Gold', sondern vom angelsächsischen 'gilt': Schuld, Geschuldetes. Damit waren zunächst keine privaten Schulden gemeint, sondern etwas, was archaische Kollektive höheren Mächten zu schulden glaubten: Opfer. 'Gilde' heisst ursprünglich Opfergemeinde, nicht Handwerkerzunft. Und geopfert wurden nicht Gold- oder Silberstücke, sondern lebendige Wesen, und zwar gerade die unentbehrlichsten: eigene Stammesgenossen und gezähmte Grosstiere. Warum tut man so etwas? Warum versuchte man die schrecklichen Naturgewalten zu besänftigen, sich ihr Wohlwollen zu erkaufen, indem man selbst Schreckliches beging und ausgerechnet Lebrwesen schlachtete, die einrm am nächsten und liebsten waren?"

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 14. März 2015 (Nr. 61, 236. Jg.), S. 27.

Donnerstag, 12. März 2015

Roman Orlando Maniglia Ferreira (Botschafter der Bolivarischen Republik Venezuela in der BRD): Venezuela steht für eine in Freundschaft gereichte Hand, es ist ein Land der Zuneigung und Solidarität. Auszug aus der Erklärung vom 12. März 2015.

"Wir haben in der Geschichte unserer 204 Jahre währenden Unabhängigkeit niemals einen Krieg gegen unsere Nachbarstaaten geführt. Darauf sind wir sehr stolz. Wir sind ein Volk, das sich dem Frieden und der Solidarität verschrieben hat. Auch vor dem Hintergrund der uns durch den niedrigen Rohölpreis entstehenden Gefahren werden wir unsere Unterstützung der Benachteiligsten unseres Volkes sowie unserer Brüdervölker in den Amerikas, Asien, Nahen Osten, Afrika und Europa nicht aufgeben. Venezuela steht für eine Fteundschaft gereichte Hand, es ist ein Land der Zunrigung und der Solidarität."

Stefan Betschon: World Wide Western

"Ein paar kalifornische Jungunternehmer glaubten das nicht. Sie haben die Funktionen von Mittelsmännern softwaretechnisch automatisiert und rasch sehr viel Geld verdient. Google vermittelt weltweit zwischen Informationsanbietern und Informationsnachfragern, Uber zwischen Chauffeuren und Fahrgästen. Für den Vorgang, dass eine amerikanische Jungfirma weltweit eine Vielzahl von lokalen Vermittlungsinstanzen durch eine eigene Dienstleistung ersetzt, beginnt sich das Tätigkeitswort 'uberize' einzubürgern. Keine Branche wurde stärker 'uberized' als die Medienbranche. Die Distanz zwischen Kommunikator und Rezipient wird immer größer."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 12. März 2015 (Nr. 59, 236. Jg.), S. 37

Neue Zürcher Zeitung (hes.): Twitter macht sexy

"Zuerst wurde er aufgrund seines Übergewichts ausgelacht, jetzt soll er zum Star einer Party mit 2000 Frauen sowie prominenten Gästen werden - Internet sei Dank. Die Geschichte #FindDancingMan machte Station in den verschiedenen Ecken des Webs. Auf der umstrittenen Internetplattform 4Chan wurde im Februar ein übergewichtiger Mann verhöhnt. Viele bekundeten Mitleid und soludarisierten sich mit dem Mobbing-Opfer. Eine Nutzerin rief dazu auf, für den Mann eine Party zu veranstalten."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 12. März 2015 (Nr. 59, 236. Jg.), S. 37