Mittwoch, 21. Januar 2015

Hans-Albrecht Koch: Bildung in der Krise. Der "Akademisierungswahn" und andere Phänomene - neue Bücher über Schule, Universität und Beruf

"Liessmann enttarnt die zur Begründung des Kompetenz-Konzepts vorgetragenen Gesichtspunkte als 'Orientierung an den vermeintlichen Bedürfnissen der jungen Menschen, an den Wünschen der Arbeitgeber oder an den Herazsforderungen der Zukunft, die niemand kennt' - in summa: als bewusste Abkehr von der anstrengenden Zumutung, junge Menschen mit so 'nutzlosen' Aufgaben zu konfrontieren wie der Lektüre bedeutender Texte aus Literatur oder Philosophie. Nach den eher niederschmetternden Bemerkungen über die 'Käuflichkeit des Geistes', die man noch um die Frage ergänzen mag, wieso der Unterricht immer mehr vom Vertrieb irgendwelcher Produkte der Power-Point-Industrie bestimmt sein muss statt vom zugewandten Gespräch, lenkt der Autor seinen Leser zum Schluss mit der Frage nach der 'Schönheit des Nutzlosen' so strikt wie geschickt auf das grosse anthropologische Thema aller Philosophie: Wessen bedarf es zu einem gelingenden, zu einem glücklichen Leben?"

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 21. Januar 2015 (Nr. 16, 236. Jg.), S. 23

Joachim Güntner: Ohne Verantwortung schreibt es sich am besten. Michel Houllebecq las in Köln aus seinem Roman "Unterwerfung" - es war sein einziger öffentlicher Auftritt zur Zeit

"'Unterwerfung' ist ein Werk voller Spott auf mittelmässige Literaturwissenschafter und Universitäten. Nicht islamophob, sondern 'sorbonnophob' sei es, meinte Minkmar. Houllebecq fand, die Politik komme darin noch viel schlechter weg. Die Parteien ständen für nichts mehr, die Menschen seien so politisch 'wie ein Handtuch', politische Diskussionen sehe er sich zwar gern an, aber ihre Unterhaltsamkeit beruhe bloss auf Spektakel. Dass die Furcht vor dem wachsenden Antisemitismus in Frankreich Rufe nach Auswanderung oder im Gegenteil das Verlangen nach Dableiben auf jeden Fall provoziert hat, nannte er gleichermassen 'übertrieben'. Ein Dazwischen sei auch lebbar, man müsse keine extremen Alternativen wählen. Den gegen ihn kursierenden Vorwurf, er habe Marie Le Pen und dem Front national mit der Vision einer islamischen Republik auf französischem Boden eine Steilvorlage geliefert oder gar den Rechtsextremismus befeuert, wies er ab. Noch nie habe ein Leser wegen eines Romans seine Weltanschauung geändert. Ob's stimmt?"

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 21. Januar 2015 (Nr. 16, 236. Jg.), S. 21

Peter Glaser: Die Uhr, die keine ist

"Nun steht der nächste Angriff an. Die gross präsentierte Apple Watch, die demnächst auf den Markt kommt, solle zur Verbreitung nonverbaler Kommunikationsformen beitragen. Anstatt Textnachrichten abzufeuern, können Benutzer mit anderen Watch-Inhabern in Verbindung treten, indem sie ihnen kleine Skizzen oder Emojis senden - die grossen Brüder der altgedienten Smileys. Man kann sogar seinen Herzschlag verschicken, den die Biosensoren der Uhr wahrnehmen. Droht ein Sprachverfall? Die Bezeichnung 'Uhr' für das Gerät, das beiläufig auch die Zeit anzeigen kann und am Handgelenk getragen wird, ist übrigens eher irreführend, so wie ein iPhone - und mit ihm die ganze Gattung der Smartphones - kein Telefon ist, wie man ursprünglich angenommen hatte, sondern eine Art Universalfernbedienung für unser Leben. Menschen, die man fragt, ob sie damit denn auch telefonieren, sagen immer öfter: immer seltener. Wieder andere vertreten die Theorie, dass Apple mit der angeblichen Uhr nicht die Zeit neu erfinden will, sondern das Geld. NFC heisst das Zauberwort - Near Field Communication. Und wer da im Nahfeld kommuniziert, das sind die Apple Watch und die Registrierkassen dieser Welt. Sie tauschen Bezahldaten aus, früher nannte man diesen Vorgang schlicht 'Geld ausgeben'."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/die-uhr-die-keine-ist-1.18465059

Dienstag, 20. Januar 2015

Milosz Matuschek: Die verheerende Entdeckung der Schweigsamkeit. "Charlie Hebdo" und die stille Preisgabe der Medienfreiheit

"Die Charlie-Sympathie ist zu einem nicht unerheblichen Teil eine blosse Freiheitsfolklore. Ein Maskenball der Aufgeklärten. Der Rauch der Anschläge hatte sich kaum verzogen, da erklärten die ersten deutschsprachigen Satiremagazine bereits, auf den Abdruck von Mohammed-Karikaturen verzichten zu wollen. Amerikanische und britische Zeitungen winkten ebenfalls ab und weigerten sich sogar, das jüngste Titelblatt von 'Charlie Hebdo' zu drucken."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 20. Januar 2015 (Nr. 15, 236. Jg.), S. 36

Mona Sarkis: "Ach Gott, erschießen Sie mich doch gleich". Arabische Parodien auf den Islamischen Staat schürfen nur an der Oberfläche

"In der irakischen Fernsehshow 'Dawlat al-Khurafa' (Staat der Fabeln) befiehlt ein IS-Kämpfer einem Gemüsehändler, Obstsorten mit männlichen und weiblichen Namen nicht miteinander zu vermengen. Es gehe schliesslich um die Ehre. In einem in Palästina produzierten TV-Sketch hält ein IS-Kämpfer einen Passanten an und fragt diesen, wie oft der Buchstabe A im Koran vorkomme. Die Antwort des Mannes: 'Ach Gott, erschießen Sie mich doch gleich.' In der libanesischen TV-Satireshow 'Ktir Salbe' (Sehr übel) befiehlt ein IS-Kämpfer einem Taxifahrer, sein Radio auszuschalten, da dergleichen zu Zeiten des Propheten Mohammed nicht existiert habe. Daraufhin der Taxifahrer: 'Haben zu Zeiten Mohammeds Taxis existiert?' Der IS-Kämpfer verneint, und der Fahrer hält an: 'Dann steig aus und warte auf das nächste Kamel.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/medien/oberflaechliche-kritik-am-fanatismus-1.18464273

Angela Schader: Bismillah? Folterstrafe für einen saudischen Blogger

"Verurteilt wurde Raif Badawi, der auf seinem Blog 'Free Saudi Liberals' klar und bedingungslos für eine Säkularisierung des saudischen Staatswesens, für Gedankenfreiheit und gegen die Borniertheit und Selbstgetechtifkeit des wahhabitischen Klerus plädiert hatte, wegen 'Beleidigung des Islams'. In seinen Einträgen hatte er etwa - mit berechtigter Sorge - die Tatsache angeprangert, dass der Rigorismus der Glaubenswächter die besten Köpfe aus den muslimischen Ländern vertreibt, und er warf religiös geprägten Staatswesen vor, sie verbreiteten 'eine Kultur des Todes und der Ignoranz unter ihren Bürgern, wo doch Modernisierung und Hoffnung Not tun. Staaten, die sich azf religiöse Ideen gründen (...)', so fährt Badawi fort, 'haben nichts ausser der Furcht vor Gott und seiner Unfähigkeit, sich dem Leben zu stellen. Schauen wir, was geschah, nachdem es den Völkern Europas gelungen war, den Klerus aus dem öffentlichen Leben zu verbannen und ihn auf die Kirche zu beschränken. Wahre Menschen konnten heranwachsen, es gab Aufklärung, Kreativität und Widerstand. Religiös geprägte Staaten halten ihre Bürger in einem Bannkreis aus Glauben und Angst gefangen.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/bismillah-1.18464310

Montag, 19. Januar 2015

Jenni Roth im Gespräch mit Norbert Bolz: "Nachhaltigkeit ist zum positiven Tabu geworden". Der Philosoph Norbert Bolz erklärt, wie aus dem Begriff " Nachhaltigkeit" ein quasireligiöses Heilsversprechen geworden ist

Frage: "Schon vor knapp 20 Jahren sollten sie an der Universität Essen einen Vortrag über " Sustainability" halten - und hielten ihn über "Unsustainability". Gibt es keine Nachhaltigkeit?

Antwort: "Die wundervolle Balance-Idee widerspricht diametral der Logik moderner dynamischer Systeme: Die Systemtheorie der Gesellschaft schildert unsere Welt als Welt von komplexen Systemen - mit einer eigenen Dybamik. Wir taumeln gewissermaßen von Katastrophe zu Katastrophe, so wie sie der Mathematiker René Thom in seiner 'Katastrophentheorie' beschrieben hat: Dabei geht es nicht um spektakuläre Katastrophen wie Kriege oder Naturkatastrophen, sondern eine extreme Form von Unordnung. Wenn dynamische Systeme wie unsere Gesellschaft von Unordnung zu Unordnung stürzen, dann ist das ganz normal.:

Quelle: http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/nachhaltigkeit-ist-ein-positives-tabu-geworden-1.18463818

Jenni Roth: Nachhaltig leben ist nicht schwer - oder doch? Über die inflationäre Verwendung eines zeitgeistigen Begriffes

"Gleich am Morgen geht's los: Das Shampoo entfernt Schuppen 'nachhaltig'. Den Kaffee trinkt man dann mit seinem Partner, dem man in einer 'nachhaltigen Lebensgemeinschaft' verbunden ist. Dann fährt man zur Arbeit in seine Firma, die für eine 'nachhaltige Unternehmensphilosophie' steht, und kümmert sich in der Mittagspause um sein 'nachhaltig' angelegtes Geld. Auf der Heimfahrt schluesslich hört man im Radio eine Sendung über die 'Nachhaltigkeit des Kulturerbes', bevor man sich, wieder zu Hause, eine Thunfischpizza in den Ofen schiebt. Aus - laut Verpackung - 'nachhaltiger Erzeugung', versteht sich."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 19. Januar 2015 (Nr. 14, 236. Jg.), S. 36

Joachim Güntner: Reflexe einer verunsicherten Mittelschicht. Pegida hat die Montagsdemonstrationen gekapert - das DDR-Erbe zeigt dabei unerfreuliche Seiten

"Erwünscht ist, dass man sich anpasst. Differenz erscheint schnell als Obstruktion. Seit sieben Jahren lebe ich in Sachsen, und ich kenne kein Bundesland, wo die Lust am Massregeln so ausgeprägt wäre. Dass mir einer der Leipziger Wortführer im Vieraugengespräch über Bildung und Erziehung bekannte, er 'wolle ja kein Kind prügeln, aber es in die Ecke zu stellen', wenn es etwas falsch gemacht habe, sei geboten, passt nur zu gut ins Bild. In den Schulen ist diese Praxis keineswegs ausgestorben. Belehrung durch Beschämung, Zurechtweisung als Demütigung. Strenge reimt sich hier auf Enge - Enge des Herzens, Mangel an Empathie, Freude am Gehorsam. Nur scheinbar steht diese Haltung quer zur Opposition gegenüber staatlicher Bevormundung. Sie verteägt sich durchaus mit dem Verlangen nach Plebisziten oder der Wahl von Richtern durch das Volk (beides sind Programmpunkte in Leipzig). Geht es um die Wahrung eigener Interessen, ist Anti-Etatismus kein Problem. Ordnungsliebe, die nach dem Staat ruft, indessen ebenso wenig. Die 'Patriotischen Europäer' sind vehement für mehr Polizei."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/reflexe-einer-verunsicherten-mittelschicht-1.18463714

Christoph Eisenring: Deutsche Städte verspekulieren sich. Gemeinden in Nordrhein-Westfalen haben Risiken von Franken-Krediten unterschätzt

"Der Fall Essen sticht dabei hervor. Die Stadt hat 2001 und 2004 Kredite über 450 Mio. Fr. aufgenommen. Dadurch konnte die hochverschuldete Gemeinde bisher zwar 32 Mio. € an Zinsen sparen. Doch diese Entlastung wird durch die Währungsverluste längst in den Schatten gestellt. Die Stadt muss nämlich für die Rückzahlung immer mehr Euro audwenden, wel der Franken seit der Finanzkrise stark aufgewertet wurde. Bis Ende 2014 summierten sich die Verluste bereits auf 93 Mio. €. Da lag der Kurs noch bei Fr. 1.20 je Euro. Stichtag ist zwar Ende Jahr. Doch kostet der Euro wie im Moment nur einen Franken, müsste Essen noch einmal eine Wertkorrektur von 76 Mio. Euro verbuchen. Es gebe nichts zu beschönigen, sagte der Stadtkämmerer Lars Martin Klieve am Freitag. Dies sei ein schwarzer Tag für die Stadtfinanzen."

Quelle: http://www.nzz.ch/wirtschaft/deutsche-staedte-verspekulieren-sich-1.18462944

Samstag, 17. Januar 2015

Andrea Köhler: Amerika ist nicht Charlie. Im Land der Political Correctness ist politische Satire nicht salonfähig

"Obama ist nicht Charlie. Die Abwesenheit des amerikanischen Präsidenten beim Solidaritätsmarsch von rund 40 Staatsoberhäuptern am letzten Sonntag in Paris hat in der amerikanischen Öffentlichkeit breites Unverständnis ausgelöst. Dass nicht ein einziger höherer Repräsetant der USA an der Demonstration teilnahm - ein Versäumnis, das nach dem Sturm der Kritik auch vom Weissen Haus eingeräumt wurde -, war auch für den Satiriker der 'Daily Show', Jon Stewart, ein gefundenes Fressen: 'Wie konnten die USA fehlen, wo doch die Repräsentanten solcher Symbole der Pressefreiheit wie Russland da waren? Die Türkei, die Journalisten ins Gefängnis wirft, war da! Ägypten ... genug. Israel, das palästinensische Cartoonisten einlocht, war da! Und vor allem unser engster Verbündeter, Saudiarabien - wenn auch noch etwas ausser Atem von der öffentlichen Auspeitschung eines Bloggers.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/verpixelte-cartoons-und-doppelte-standards-1.18462763

Andreas Breitenstein im Gespräch mit dem Politik-Strategen Francois Heisbourg: "Der Zweck von Terror ist es zu terrorisieren". Was wollten uns die " Charlie Hebdo"-Attentäter mit ihrer Tat sagen?

Frage: "Was halten Sie von der Forderung, dass der Islam sich reformieren müsse? Würde dies dem Terrorismus den Wind aus den Segeln nehmen?

"Was wir sehen, ist ein Konflikt innerhalb des Islam, die Attentate im Westen sind eher Ausreisser. Das Hauptkampfgebiet liegt in den muslimischen Ländern selbst, im Irak, in Syrien, Pakistan, Afghanistan, da gibt es auch am meisten Opfer. Die Muslime müssen das selber lösen. Die Situation ist zu komplex, als dass wir sie mit unserem Feindbild vom mittelalterlichen Islam erfassen könnten. Der IS lässt die Stammesgesellschaft hinter sich, er ist international und integrativ. Er ist eine hochmoderne Organisation, hinter der teilweise brillante Hochschulabgänger stehen. Der IS ist nicht einfach eine Terrororganisation, sondern so etwas wie ein Protostaat. Man muss ihn anders bekämpfen."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 17. Januar 2015 (Nr. 13, 236. Jg.), S. 23

Martin Meyer: Religiöser Faschismus - und die Folgen. Gedanken zu den Attentaten von Paris

"Es war - wie man nachholend feststellen dürfte - ein schlimmes Erwachen aus dem Traum der Fortschrittseuphorie, als es im Jahr 1979
einem finsteren Ayatollah praktisch über Nacht gelang, den Gang der Dinge zu wenden und in Iran den Prozess der Säkularisierung rückwärts zu drehen. Henning Ritter hat auf dieses Datum hingewiesen und es in seiner Initialzündung erkannt: Was Khomeiny, ein übler Geselle von stattlichem Ausmass, der Welt vorführen wollte, ging weit über eine Bereinigung 'innerer Angelegengeiten' hinaus. Zur Botschaft wurde: Modernisierung ist kein Schicksal, das einfach hinzunehmen wäre."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/religioeser-faschismus--und-die-folgen-1.18462686

Freitag, 16. Januar 2015

The Guardian: The Guardian view on the public flogging of a Saudi liberal

"The first is a much-needed reminder of their bare-faced hypocrisy. Saudi is, so far as its rulers can make it, closed to all foreign ideas. They equate atheism with terrorism, and propose to apply the same punishments for both. At the same time it is a fountain of islamist poison, of antisemitism, of narrow-minded and fanatical preachers, and of young men who leave to fight in other people's countries and help to destroy them in the cause of Wahhabist Islam. Let us not forget that 15 of the 19 9/11 hijackers were Saudis and that Saudi money has funded cruel and pointless wars all over the Middle East. If the kingdom now draws back in horror at the spectacle of Islamic State rampaging through the river valleys of Iraq and Syria, it is the horror of Dr Frankenstein seeing its monster walking."

Quelle: http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/jan/15/guardian-view-public-flogging-saudi-liberal

Donnerstag, 15. Januar 2015

Stefan Betschon: Google als Gaukler

"Wir wissen allerdings gar nicht genau, was die Suchmaschine macht, wenn sie angibt, das Internet zu durchsuchen, wir haben keine Vorstellung von der Gesamtheit der Dokumente, die analysiert werden, um unsere Suchanfrage zu beantworten. Vielleicht gibt es gar nicht Millionen von Websites, vielleicht gaukelt uns Google das nur vor?

Bereits René Descartes hat sich mit dieser Frage beschäftigt, und sie beschäftigt uns noch heute: Wie können wir die Maschinenhaftigkeit von maschineller Intelligenz erkennen? Wo endet die Maschinenhaftigkeit, wo beginnt die Intelligenz, die, losgelöst von Mechanismen und Algorithmen, auf unvorhersehbare Weise neues Wissen schafft?"

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 15. Januar 2015 (Nr. 11, 236. Jg.), S. 34

Abdelkader Benali: Zweifel und Zorn. Über die Schwierigkeit, als Muslim in einer Welt aufzuwachsen, in der alles möglich und nichts heilig ist

"Nach dem 11. Spetember haben viele europäische Muslime an ihrer Herkunft gezweifelt. Gehören sie in das Paris von Voltaire und Rousseau oder in Mohammeds Mekka? Aber das ist die falsche Frage. Muslime gehören zu Europa wie die Roma, die Schwulen, die Intellektuellen, die Bauern oder die Fabrikarbeiter. Wir sind seit Jahrhunderten in Europa, und darum sollten Politiker und Presse die Muslime nicht länger so behandeln, als seien sie gerade eben erst angekommen."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/zweifel-und-zorn-1.18461165

Alfred Brendel: Waches Hören. Ein neues Buch des Dirigenten und Komponisten Hans Zender

"Hans Zender hat die Distinktion, ein Musiker zu sein, der als Komponist, Dirigent, Pädagoge, Musiktheoretiker und weithin belesener Literat eine Sonderstellung einnimmt. Mystik und Religionsphilosophie, Zen und C.G. Jung lenken in einem Raum des 'Denkens als Nichtdenkens', 'eines Nichtdenkens bei grösster geistiger Wachheit'. Inmitten der Turbulenz des musikalisch Vorhandenen sucht Zender eine 'Spiritualität', wie er sie zum Beispiel in der Zen-Kalligrafie findet, eine Art von Konzentration, die nicht auf die Produktion von Kunst und die Selbstvollendung des Malers gerichtet ist. Er spricht von 'vollkommener Zweckfreiheit der Kunst' und einem 'Sich-selbst-fremd-Werden des Geistes' (Richard von Sankt-Viktor), also einer Verbindung von buddhistischem Denken mit der mystischen Tradition Europas. In diesem 'bild- und begriffslosen Bereich' begegnet er Cage, Scelsi, Schnebel, Feldman oder Klaus Huber auf ähnlicher Suche."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/musik/waches-hoeren-1.18461164

Jürg Bischoff: Der Marsch der Scheinheiligen

"Ein flagrantes Beispuel liefert Saudiarabien, wo zwei Tage nach dem Überfall auf 'Charlie Hebdo' der Blogger Raif Badawi öffentlich 50 Peitschenhiebe wegen 'Beleidigung des Islams' und anderer Vergehen erhielt. Das Urteil gegen Badawi lautet auf zehn Jahre Gefängnis und 1000 Peitschenhiebe - das heisst, dass er jeden Freitag der nächsten 19 Wochen dieselbe Prozedur über sich ergehen lassen muss."

Quelle:  http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/der-marsch-der-scheinheiligen-1.18460589

Mittwoch, 14. Januar 2015

Mohammed Hanif: Pakistans verdrängter Krieg. Der Kindetmord von Peshawar - die Gründe und die Folgen

"Pakistans Krieg hat uns in den letzten zehn Jahren über fünfzigtausend Menschenleben gekostet. Aber es bedurfte des Todes von hundettdreissig Schulkindern, bis wir begriffen, dass wir ein Problem haben. Die liberale Intelligenzia vertrat immer den Standpunkt, dass die mächtige Armee und ihre Sicherheitsdienste für die Zunahme der Gewalt im Land verantwortlich seien. Generationen pakistanischer Generäle haben in den Afghanistan-Kriegen der vergangenrn Dekaden mitgemischt, indem sie militante Gruppierungen unterstützten und sie als ihre Stellvertreter antreten liessen. Diese Kämpfer, die lediglich Pakustans Interessen in Afghanistan und im indischen Teil von Kaschmir hätten vertreten sollen, richten ihre Gewehre nun gegen ihre Herren und Meister. Sie haben sich zudem mit religiös-militanten Gruppierungen verbunden, die keineswegs nur von den Bergen im Norden aus operieren, sondern mitten in unseren Städten."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 14. Januar 2015 (Nr. 10, 236. Jg.), S. 21

Dienstag, 13. Januar 2015

Christoph Eisenring: Berlin gefährdet das "Jobwunder". Deutschland verzeichnet Rekorde am Arbeitsmarkt - und wird übermütig

"Für den Ökonomen Michael Burda ist das nur die halbe Wahrheit. Der Amerikaner, der seit über 20 Jahren an der Humboldt-Universität in Berlin lehrt, sagt im Gespräch, die Lohnzurückhaltung der Tarifpartner reiche als Etklärung für das Beschäftigungswunder nicht. Man müsse auch Arbeitnehmer finden, die zu diesen Konditionen arbeiten wollten. Und hier kommen wieder die Hartz-Gesetze ins Spiel. Dank diesen Reformen seien Arbeitslose bereit gewesen, niedrigere Löhne zu akzeptieren. Für diese These spricht, dass seit 2005 eine grössere Spreizung der Löhne zu beobachten ist."

Quelle: http://www.nzz.ch/wirtschaft/berlin-gefaehrdet-das-jobwunder-1.18459005