Montag, 20. April 2015

Peter Rásonyi: Wachsende Wohnungsnot im boomenden London. Steigende Hauspreise, Sozialkürzungen und der Ausverkauf von Sozialwohnungen setzen Junge und sozial Schwache unter Druck

"Doch von der neuen Zeit werden auch dessen Einwohner überrollt. Die Zahl der Obdachlosen ist seit 2010 um zwei Drittel gestiegen. Seit Inkrafttreten der von der konservativ-liberalen Regierung verfügten Sozialkürzungen hat gemäss dem Ausschuss eine beschleunigte Verdrängung von Bedürftigen in die äusseren Bezirke und ganz aus der Stadt hinaus eingesetzt. Viele Einwohner von Sweets Way und West Hendon Estate leben heute in provisorischen Notunterkünften. Sie müsse jetzt dreimal umsteigen und eineinhalb Stunden im Bus bis zur Schule fahren, erzählt die 13-jährige Anida, die ihre Primarschulzeit in Sweets Way verbracht hatte. Die Notunterkunft sei feucht und eng. Jedes Mal, wenn ein Zug vor dem Fenster vorbeifahre, wackle das Bett. Für das Erledigen der Hausaufgaben fehle das Internet. Die Schulleistungen hätten nachgelassen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/wachsende-wohnungsnot-in-london-1.18524700

Samstag, 18. April 2015

Peter Trawny: Die letzte Hand des Zauberers. Martin Heidegger und seine Gesamtausgabe.

"Wer einmal 'Heideggerianer' war, weiss, wie schwierig es ist, sich davon zu lösen. Ein unauflösbarer Widerspruch wird konsequent mit Verstossung bezahlt. Als ich im Herbst 1997 den Satz 'Zu fragen wäre, worin die eigentümliche Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum' begründet sei, in Heideggers Manuskript fand und in die Satzvorlage übertrug, war die Reaktion von Heideggers ehemaligen Privatassistenten unmissverständlich. Das durfte nicht veröffentlicht werden. Und da der Satz in der von Fritz Heidegger angefertigten Abschrift des Manuskripts fehlte, gab es ein Argument. Vorausgesetzt, Heidegger hatte mit seinem Bruder die Abschrift durchgesehen, war sie der Text, der letzter Hand publiziert werden musste. Nun wurde deutlich: Der Dienst an der Gesamtausgabe enthielt den Auftrag, Schaden von Heideggers Denken auch dann abzuwehren, wenn dieser Schaden diesem Denken selbst entsprang."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/die-letzte-hand-des-zauberers-1.18524364

Freitag, 17. April 2015

Gottfried Schatz: Echte Bildung anstatt nur Wissensvermittlung. Die wahren Aufgaben der Universitäten.

"Wissenschaft beschäftigt sich nicht vorrangig mit Wissen, sondern mit Unwissen. Sie verwandelt dieses Unwissen in Wissen, wobei ihr der Akt der Umwandlung meist wichtiger ist als das Ergebnis. Leidenschaftliche Forscherinnen und Forscher betrachten das von ihnen geschaffene Wissen fast als ein Nebenprodukt, dessen Verwaltung und Weitergabe sie gerne anderen überlassen. Ein Lehrbuch der Biochemie wäre für sie nicht 'Biochemie', sondern die Geschichte der Biochemie - eine Zusammenfassung dessen, was sie bereits wissen oder zumindest wissen sollten. Ihre Heimat ist nicht das gesicherte Wissen, sondern dessen äusserste Grenze, wo Wissen dem Unwissen weicht."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/echte-bildung-anstatt-nur-wissensvermittlung-1.18523733

Heidi Gmür: Klappe auf für ein australisches Drama

"Es geht der Regierung nicht etwa darum, die Bevölkerung für das Schicksal von echten oder unechten Flüchtlingen zu sensibilisieren. Nein, das Drama soll in den Herkunftsländern potenzieller Flüchtlinge wie Syrien ausgestrahlt werden, um diese von einer Reise der Hoffnung nach Australien abzuhalten. Damit der Film Wirkung entfalten kann, müsste die Lage in Australien freilich so dargestellt werden, dass das Publikum vor Schreck lieber zu Hause bleibt und wartet, bis Australien sie allenfalls für eine humanitäre Aufnahme auserwählt. Keine einfache Aufgabe. Doch Australien hat Vorarbeit geleistet, die Produzenten können aus dem Vollen schöpfen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/klappe-auf-fuer-ein-australisches-drama-1.18523232

Donnerstag, 16. April 2015

Stephan Wehowsky: Kritik und Gewalt. Russland und der Islam werfen dem Westen Dekadenz vor. Was ist da dran?

"Der Bremer Soziologe Gunnar Heinsohn hat schon früh auf die Brisanz der Demografie aufmerksam gemacht. Demnach besteht ein direkter Zusammenhang zwischen Geburtenraten und Krieg. Immer dann, wenn es Geburtenüberschüsse gibt, so seine These, werden Kriege geführt. Das liegt daran, dass die Überzahl junger Männer eine machtvolle Ressource ist. Hinzu kommt, dass in aller Regel die Bevölkerung schneller wächst als die Wirtschaft. Eine grosse Zahl von jungen Männern hat also keine Chance, eine Position zu finden, die ihnen angemessen erscheint. Das war schon im Mittelalter und in der frühen Neuzeit so, und heute beobachten wir das in den Gesellschaften des Nahen Ostens, Afrikas und zum Teil auch in Asien. Durch die vorgeburtliche geschlechtliche Selektion in manchen Ländern kommt noch das Problem hinzu, dass Männer ohne Frauen bleiben. Gewalt bietet nun die Chance, sich zu beweisen, wenigstens zeitweise Prestige zu erringen und Frustration abzureagieren."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/vernunft-und-selbstbehauptung-1.18522868

Mittwoch, 15. April 2015

Peter Glaser: Die neue Weltordnung

"Mit dem Buchdruck waren zahlreiche alte Manuskript vervielfältigt worden und hatten die Renaissance mit der Vergangenheit des Altertums und des Mittelalters überflutet. In dieser Zeit wurde auch die Zukunft erfunden. Mithilfe von Büchern begann der menschliche Geist zum ersten Mal, sich frei in Vergangenheit und Zukunft zu bewegen. Heute lässt die Vernetzung uns eintauchen in alle Kulturen, die je auf dieser Wet existierten. Für manchen fühlt sich der kreative Anspruch der neuen Medien jedoch erdrückend an. Was zuvor Zeitungen, Fernsehen und Bibliotheken vorgeordnet, registriert und zusammengefügt hatten, wird nun durch die Dugitalisierung entbündelt. Musikalben zerfallen wieder in einzelne Stücke. Zeitungen zerflattern zu Artikel-Atomen im Stream der sozialen Netze. Das Internet stattet die Dinge mit einer neuen Gewichtslosigkeit und Mobilität aus. Alles lässt sich nun mit einem Klick um die Welt schicken, verändern, miteinander verbinden ubd teilen. Das Inbild der digitalen Welt sind nicht mehr die Reihen ruhender Bücher in einer Bibliothek, sondern die riesigen, wendigen Fischschwärme im Ozean."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/die-neue-weltordnung-1.18522236

Franziska Bulban: Mehr Asylanträge im vergangenen Jahr

"Insgesamt wurden 128 911 Anträge 2014 bearbeitet. Davon bekamen 40 563 Personen Schutz zugesprochen, was einer Schutzquote von 31,5 Prozent entspricht. Auch diese Quote ist im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Für 2015 rechnet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge mit rund 250 000 Personen, die neu nach Deutschland kommen. Trotz der wachsenden Zahlen ist der Anteil an Flüchtlingen an der Gesamtbevölkerung in Deutschland gering. Ein Beispiel: Viele klassische Verkehrsflugzeuge haben ungefähr 400 Sitzplätze. Angenommen, Deutschland wäre ein solches Flugzeug und die Passagiere wären die Einwohner, dann würde etwa zwei Pläze im ganzen Flugzeug von den Menschen beansprucht, die 2014 Asylanträge gestellt haben. Länger bleiben dürfen im Jahr 2014 davon so wenige, dass sie gerade einmal einen Fünftel-Platz brauchen würden - also. Um in der Analogie zu bleiben, etwa so viel Platz wie ein Kleinkind."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/mehr-asylantraege-im-vergangenen-jahr-1.18521450

Dienstag, 14. April 2015

[anti-b]: Bertelsmann NS Verbrechen ( Tomas Hartmann)

Hallo, 

anbei ein Buch mit einer Bücherliste im Anhang von bis dato noch unbekannten NS Verbrechen von Bertelsmann, im übrigen wird auch bewiesen, dass die NS Führung mit Bertelsmann Bielefeld eng vernetzt war, dem heutigen Partner der Bundesregierung, die NS Verbrechen durch Bertelsmann Autoren sind der Öffentlichkeit noch nicht bekannt.

Nach dem ich das Buch letzes Jahr zum Teil veröff. ware relativ oft der Rechner der Bundeswehr, LKA und diverse Staatskanzlein auf meiner Seite.

Das Buch wird jetzt bei Google Books gratis angeboten.  
Es wird um Verbreitung gebeten. Das Werk als E-Book ist frei.

T.A. Hartmann

Hier der Link: https://books.google.de/books?id=Ge0wBwAAQBAJ&pg=PA65&dq=thomas+hartmann+buch+bertelsmann&hl=de&sa=X&ei=W_EsVbfDOoHWOIeRgZgL&ved=0CDQQ6AEwAA#v=onepage&q&f=false

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Montag, 13. April 2015

Hans Ulrich Gumbrecht: Durchatmen im Stadion

"Immer hoffe ich auf das Gelingen einer dynamischen Form, deren Substanz aus den Bewegungen meiner Mannschaft besteht, begleitet von den ständig einsetzenden Bewegungen meines eigenen Körpers am Rand der Aufmerksamkeit. Jeder gelingende Spielzug ist ein Ereignis, weil er sich gegen den Widerstand der anderen Mannschaft verwirklicht hat, was auch bedeutet, dass sein Gelingen nie gewiss sein konnte und in jedem Fall zu einer spezifischen, der anderen Mannschaft abgerungenen Form wird. Als unwiederholbares Ereignis und singuläre Form aber beginnt der gelingende Spielzug vom ersten Moment seines Aufscheinens an zu verlöschen. So hat er eine Aura von Melancholie, die keine seiner vielfachen Medien-Wiederholungen aufwiegen kann."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/durchatmen-im-stadion-1.18519608

Jürg Kürsener: Amerikas Antwort auf Chinas Salamitaktik. Mit dem Kampf um Interessensphären in Ostasien wächst die Bedeutung der pazifischen Streitkeäfte der Vereinigten Staaten

"Unbeeindruckt davon baut China seine Präsenz auf den Spratly-Inseln mit künstlichen Aufschüttungen aus, beispielsweise bei den Gaven Reefs und beim Johnson South Reef. Ferner soll es auf dem Fiery Cross Reef seit November 2014 eine künstliche Insel aufschütten, auf der nebst Hafenanlagen vermutlich auch ein Flugplatz mit einer 3000 Meter langen Piste gebaut wird. Damit könnte China seinen Aktionsradius viel weiter nach Süden hin ausbauen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/amerika/amerikas-antwort-auf-chinas-salamitaktik-1.18519134

Donnerstag, 9. April 2015

Stefan Betschon: Psychologie und Big Data

"Der amerikanische Psychologe James Pennebaker hat bereits in den 1990er Jahren angefangen, in geschriebenen Texten Hinweise zu suchen, die etwas über die Gefühlslage des Autors aussagen. Er hat zum Beispiel herausgefunden, dass Leute, die mit sich selber Mühe haben, häufiger 'Ich' sagen. Durch die häufige Verwendung dieses Pronomens unterscheiden sich etwa Lyriker, die sich umgebracht haben, von anderen, die eines natürlichen Todes gestorben sind. Es sind interessanterweise Funktionswörter, die den Unterschied machen, Wörter, die in einem Satz keine lexikalische Bedeutung besitzen, die rein grammatische Funktionen übernehmen. Im Englischen sind das laut Pennebaker rund 500 Wörter, ein Prozent des Wortschatzes. Der Psychologe hat Computer-Software entwickelt, die durch die Analyse dieser Wörter den emotionalen Gehalt einer schriftlichen Äusserung erfassen kann."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 9. April 2015 (Nr. 81, 236. Jg.), S. 38.

Neue Zürcher Zeitung (S. B.): Schädliche Werbung. Google greift durch

"Werbung auf dem Smartphone ist nervig. Aber nicht nur das: Sie kostet Geld, weil sie Bandbreite, Speicherplatz, Rechenleistung und Batteriekapazität konsumiert. William Halfond hat es unternommen, diese nachteiligen Auswirkungen von Werbung zu quantifizieren. Dafür hat sich der amerikanische Computerwissenschafter von der University of Southern California mit Kollegen vom Rochester Institute of Technology und von der kanadischen Queen's University zusammengetan. In ihrer Studie konnten die Forscher zeigen, dass Werbung den Energiebedarf von Apps um durchschnittlich 16 Prozent erhöht. Bei der Rechenleistung verursacht Werbung eine Erhöhung des Bedarfs um durchschnittlich 48 Prozent, bei der CPU-Auslastung um 56 Prozent, beim Speicherplatz um 22 Prozent. Werbung erhöht den Datenverkehr um durchschnittlich 79 Prozent; jede Einblendung einer Anzeige kostet den Rezipienten ein paar Cents."

Quelle: http://www.nzz.ch/mehr/digital/google-gegen-ad-injectors-1.18517983

Peter Nowak: Unfrieden in der Friedensbewegung. Am Wochenende fanden in Deutschland unter dem Motto "Die Waffen nieder" die traditionellen Ostermärsche statt.

"Vor allem aber erwähnt Krüger (Uwe Krüger in einem Beitrag für das " Neue Deutschland"; SR) nicht, dass die Friedensbewegung durch ihr Bündnis mit den nach rechts offenen 'Mahnwachen für den Frieden' unter dem Dach des 'Friedenswinters' viel Anlass zur kritischen Berichterstattung gegeben hat. Mittlerweile hat zumindest die wichtigste antimilitaristische Organisation 'Deutsche Friedensgesellschaft - Vereinigte Kriegsdienstgegner' (DFG-VK) dieses Bündnis aufgekündigt. Der unmittelbare Anlass war ein verbaler Ausfall des 'Mahnwachen'-Aktivisten Ken Jebsen gegen den politischen Geschäftsführer der DFG-VK Monty Schädel. Auf einer Kundgebung bezeichnete der ehemalige Radiomoderator Schädel als 'Feind', darüber hinaus behauptete Jebsen, Schädel sei 'gekauft von der Nato'. Der Gescholtene hatte in Interviews eine kritische Bilanz des 'Friedenswinters' gezogen und war zu dem Fazit gelangt, dass dieses Bündnis die Friedensbewegung nicht etwa voranbringe, sondern kaputt mache."

Quelle: Jungle World, 9. April 2015 (Nr. 15, 19. Jg.), S. 7.

Samstag, 4. April 2015

Andreas Kilcher: Okkultistischer Weltentwurf. William Butler Yeats' Schrift "Eine Vision" liegt erstmals in deutscher Übersetzung vor

"So kann es nicht überraschen, dass die Übersetzung dem anspruchsvollen Text (William Butler Yeats: Eine Vision. Aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Axel Mobte. Kröner-Verlag, Stuttgart 2014. 336 S.; SR) nicht immer gewachsen ist. Denn was Yeats unter dem Titel 'Eine Vision' vorlegte, ist nicht nur schöne Literatur, sondern im Wesentlichen ein umfassendes esoterisches System, in dessen Zentrum ein 'Hauptsymbol' steht, das sogenannte 'grosse Rad', das in '28 Mondphasen' einen ganzen Weltentwurf visualusiert. Dessen Darstellung und Ausdeutung bildet den eigentlichen Anspruch dieses niveavollen und letztlich sehr persönlichen Werks. An den Illustrator des Buches, Edmund Dulac, schrieb Yeats im April 1924: 'I do not know what my book will be to others - nothing perhaps. To me it means a last act of defence against the chaos of the world.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/okkultistischer-weltentwurf-1.18515530

Uwe Justus Wenzel: Eine Ausgabe letzter Hände. Die Diskussion um die angemessene Edition von Martin Heideggers Schriften nimmt wieder Fahrt auf

"Wer gelassen bleiben will, wird fragen: Warum heute noch so viel Aufhebens um den Nachlass, wo doch bereits die Quellen zu gut neunzig Bänden eingesehen werden können? Selbstredend geht es um unter der - letzten oder vorletzten - Hand vorgenommenen Textänderungen, zumal um solche, die Rückschlüsse auf Gesinnungen, Ressentiments oder sonstige Geisteszustände zulassen. Darum dreht sich die 'Heidegger-Debatte' seit gut sechs Jahrzehnten immer wieder. Peter Trwany, der Editor auch der 'Schearzen Hefte', hat bereits vor einem Jahr auf einen Satz hingewiesen, der in dem von ihm 1998 herausgegebenen Band 69 der Gesamtausgabe fehle, aber im ursprünglichen Manuskript (aus der Zeit von 1938/40) stehe. 'Zu Fragen wäre', schreibe Heidegger dort, 'worin die eigentliche Vorbestimmung der Judenschaft für das planetarische Verbrechertum begründet' sei. Ist da von den Juden als Opfern von 'planetarischen' Verbrechern die Rede - oder werden sie selbst des Verbrechertums bezichtigt? Nach dem Bekanntwerden der einschlägigen Passagen aus den 'Heften' ist die zweite Lesart die naheliegende."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/eine-ausgabe-letzter-haende-1.18515827

Jeroen van Rooijen: Facebook macht bald auch Mode

"Mehr als 2800 Personen werden auf dem neuen Facebook-Campus (1 Bayfront Expressway, Menlo Park, Kalifornien; SR) arbeiten. Was tun sie? Der Social-Network-Konzern tut gerne so, als würden die vielen Mitarbeiter den ganzen Tag im Internet surfen und Spass haben. So wie wir alle, die mit Facebook Unmengen von Lebenszeit verplempern. Tatsächlich wird beim mächtigsten Medium unserer Zeit aber an der Beherrschung der Welt gefeilt. Ganz gewiss sitzt in Menlo Park auch eine Moderedaktion, die sich ausdenkt, was wir 2018 tragen. Facebook hat die Macht und die Mittel dazu, weltumspannend in den Stildiskurs einzugreifen. Konventionelle (Print-)Titel wirken daneben fast antiquarisch."

Quelle: http://www.nzz.ch/lebensart/stil/facebook-macht-morgen-auch-mode-1.18515087

Torsten Landsberg: Der Pressekodex rückt in den Hintergrund. Für ihre Berichte über die Germanwings-Katastrophe greifen einige Medien zu fragwürdigen Recherche-Mitteln

"Wenn Psychologen relevante Hintergrundinformationen zu den Anzeichen für Suizidalität gäben, könne das dazu beitragen, dass die Debatte sachlich geführt werde, sagt Andrea Abele-Brehm, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychplogie. Es sei wichtig, dass es sich dabei um allgemeines Wissen handele. 'Wenn sich Personen jedoch hinreissen lassen, über den konkreten Einzelfall zu spekulieren, halte ich das für problematisch.' Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Berliner Charité, zählt hingegen zu jenen, die mit dem konkreten Einzelfall keine Berührungsängste haben. 'Wir können spekulieren', sagte sie zwei Tage nach dem Absturz dem Nachrichtensender N24 - und stellte fest, der Co-Pilot sei 'gekränkt worden, hat sich elendig, klein, vielleicht maximal beschämt gefühlt'. Solche Ferndiagnosen lassen Redaktionen ihr eigenes Vorgehen legitimieren. Das sei ein wesentlicher Grund, warum Medien sogenannte Experten bemühen, sagt Bolz (Norbert Bolz, Medienwissenschaftler an der TU Berlin; SR). 'Redaktionen suchen gezielt nach Leuten, deren Einschätzung als Blankoformular für die Berichterstattung in eine bestimmte Richtung dient.'"

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/der-pressekodex-rueckt-in-den-hintergrund-1.18515076

Niklaus Peter: Verwandlung und Erneuerung. Religionen schärfen den Blick für die Vetkehrtheit des Menschen - sie helfen aber auch, Heilung und Transformation anzustreben. Dabei sollten sie ihre eigenen Ambivalenzen nicht übersehen.

"Das leitende Interesse des Philosophen James (William James: Die Vielfalt religiöser Erfahrung; SR) bei seiner Reise in wunderbare und auch wunderliche Regionen des Geistes war die Beantwortung der Frage: Gibt es auch etwas Durchgängiges und Verbindendes? Gibt es einen gleichbleibenden Kern religiöser Erfahrung in dieser verwirrenden Vielfalt? Die positive Antwort im Schlusskapitel lautet: Zwei Erfahrungen seien es, die innerlich zusammenhingen. Erstens finde man fast überall ein in religiösen Traditionen gespeichertes Gefühl von uneasiness, ein Unbehagen im Hinblick auf uns selbst, die tiefe Ahnung, dass etwas mit uns nicht stimme. Zweitens aber die Erfahrung: Wenn man mit höheren Mächten in Verbindung trete, könne man von der Verkehrtheit (wrongness) befreit und geheilt werden."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/verwandlung-und-erneuerung-1.18515944

Donnerstag, 2. April 2015

Neue Zürcher Zeitung (cei.): Halbzeit bei Bertelsmann. Firmenchef Rabe setzt auf Bildung und Schwellenländer

"Es ist ein langwieriger Umbau, den Firmenchef Thomas Rabe Europas grösstem Medienkonzern, Bertelsmann, verordnet hat. Noch vor gut einem Jahrzehnt hatte die Firma in Tiefdruckkapazitäten und in Buchklubs investiert - solche Geschäfte werden derzeit abgewickelt oder abgestossen, was den sinkenden Reingewinn zu einem guten Teil erklärt. Rabe leitet den Konzern seit 2012. Man sei jetzt in der Halbzeit der Transformation angekommen, sagte er an der Bilanzpressekonfetenz in Berlin. Noch ist die Dynamik des Gesamtkonzerns aber verhalten. Der Umsatz ohne Zukäufe ist gegenüber der Vorjahr leicht tiefer.

Rabe will den Konzern internationaler aufstellen. 93% des Umsatzes werden derzeit in Europa und den USA erzielt. Gleichzeitig soll Bertelsmann stärker wachsen. Geschäfte, die jährlich mindestens 5% zulegen, machen derzeit 27% am Umsatz aus. Diesen Anteil will Rabe in wenigen Jahren auf 40% bringen. Auf Grossübernahmen sei man nicht erpicht. Die Familie Mohn, die direkt und über ihre Stiftung 100% der Firma kontrolliert, mag keine Abenteuer.

Rabe will den Umsatz in zwei bis vier Jahren um ein Fünftel auf 20 Mrd. € steigern. Zu diesem Wachstum sollen das Geschäft in den Schwellenländern sowie das noch kleinere Standbein Bildung, etwa mit E-Learning, je 1 Mrd. € beitragen. Ein Beispiel, wie Ersteres gelingen soll, wurde am Montag geliefert: Demnach wird die Internetplattform Alibaba den chinesischen Online-Markt für Künstler von BMG, der Musikrechte-Sparte von Bertelsmann, erschliessen. Das Geschäft mit BMG ist (noch) klein, aber fein. Stabile Erträge liefert weiterhin das Fernsehgeschäft der RTL-Gruppe. Auch dort macht man aber Schritte zum Online-Geschäft. So wurde 2014 die Firma SpotXchange gekauft, über die täglich 3 Mrd. Reklamen für Online-Videos auktioniert werden.

Zu Bertelsmann gehören 250 Buchverlage, die unter dem Dach von Penguin Random House zusammengefasst sind. Jeden Tag verkauft die Firma 2 Mio. Bücher. Sie ist nach dem Zusammengehen von Random House und Penguin Marktführer in den USA, Grossbritannien und Deutschland. Der Marktanteil von E-Books beträgt mittlerweile 20%. Dabei sind die Unterschiede zwischen den Ländern gross: In den USA sind es 30%, in Deutschland erst 15%. Und er differiert auch nach Genre. In den USA etwa liegt die Quote von E-Books für Belletristik bei 50%, bei Kinder- und Kochbüchern aber unter 10%. Bemetkenswert ist, dass in den USA bei E-Books eine Wachstumsabflachung stattfindet. Das gedruckte Buch ist also kein Auslaufmodell."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 2. April 2015 (Nr. 77, 236. Jg.), S. 13.

Toby Matthiesen: Die gefährlichen Interventionisten vom Golf. Die Militärintervention in Jemen verschärft die regionalen Spannungen zwischen Saudiarabien und Iran. Es geht weniger um echte politische Lösungen für Jemen als darum, die Vormachtstellung der Golfstaaten und des mit ihnen verbündeten ägyptischen Präsidenten Sisi in der Region zu demonstrieren.

"Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) beteiligten sich mit Kampfflugzeugen und Spezialeinheiten an der Nato-Intervention in Libyen und waren auch symbolisch wichtig, um die Intervention weniger neokolonialistisch aussehen zu lassen. Im März 2011 rollten saudische Panzer (zusammen mit Einheiten aus den VAE, Kuwait und Katar) über die Brücke, die die saudische Ostprovinz mit dem Inselstaat Bahrain verbindet, und schlugen dort eine weitgehend friedliche Demokratiebewegung nieder. 2014 führten die Golfstaaten (ohne Kuwait und Oman) dann Luftangriffe in Syrien und im Irak durch, um die Rebellen des Islamischen Staates zu schwächen. Im selben Jahr flogen die VAE zusammen mit Agypten auch Luftangriffe in Libyen. Libyen ist ein Paradebeispiel dafür, welche Konsequenzen solche Interventionen haben können und wie persönliche Rivalitäten zwischen Herrscherfamilien am Golf die Aussenpolitiken einzelner Golfstaaten beeinflussen. Denn in Libyen hat Katar Libya Dawn, einem Rebellenverband, der auch Islamisten umfasst und die Hauptstadt Tripolis kontrolliert, den Rücken gestärkt, während die VAE sich hinter General Haftar, einen säkularen alten Militär und Weggefährten von Ghadhafi, gestellt haben. Die Luftangriffe der VAE und Ägypten zielten denn auch auf Libya Dawn, mit dem Ziel, Haftar zu stärken. Die Angriffe haben das Land aber noch stärker polarisiert und den Bürgerkrieg angeheizt. Der Zerfall des Staates und die Omnipräsenz von Milizen erschweren eine politische Lösung in Libyen."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/die-gefaehrlichen-interventionisten-vom-golf-1.18514108