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Sonntag, 2. September 2012

Boris Groys: Leben in der Kältezone

Es verwundert also nicht, dass, nachdem der Kühlschrank des Kalten Krieges ausgeschaltet wurde, die "Geschichte" selbst auf dem berühmten Müllhaufen landete. Nicht nur für die Massen, sondern auch für die kreative Klasse ist die unhistorische Gegenwart zum alleinigen Maß aller Dinge geworden. Zudem hat das Ende des Kalten Krieges die Entstehung des Internets ermöglicht, womit sich das geschichtliche Bewusstsein endgültig erledigt hat. Man erinnert sich nicht mehr - man googelt. Alles Geschichtliche ist zugänglich und abrufbar geworden, es hat einen Ort und eine Adresse bekommen. Überall auf der Welt baut man Museen der Gegenwartskunst. Sie sind die Tempel einer neuen Ewigkeit - einer Gegenwart, die allem und allen einen Platz bietet und deswegen nie vergeht.
Nicht von ungefähr fungiert der Kreative in erster Linie als content provider, das heißt, er nutzt die Produktionsmittel, die ihm die großen Unternehmen wie Apple, Microsoft, Google, Facebook zur Verfügung gestellt haben, damit er die Informationsnetze mit Texten, Bildern, Videos, Filmen füttert. Dadurch erleben wir die totale mediale Gleichschaltung aller traditionellen kreativen Berufe. Maler, Bildhauer, Musiker, Schriftsteller und Architekten machen heute alle das Gleiche - sie produzieren digitale Daten. Das macht ihre Arbeit universell vergleichbar und quantifizierbar. Die zweite Welle der industriellen Revolution hat die kreative Klasse erfasst - und sie endgültig proletarisiert. Der heutige Kreative unterscheidet sich von anderen Leuten nur durch die Geschicklichkeit, mit der er mit der Technik umgeht. So wie sich der Arbeiter des Industriezeitalters von anderen nur durch seine Geschicklichkeit im Umgang mit Maschinen unterschied.
Jeder macht das, was auch die kreative Klasse macht. (Fast) jeder hat die Möglichkeit und Fähigkeit, einen Blog zu sarten, eine Website einzurichten, Fotos oder Videos aufzunehmen und sie global zu verbreiten. Und (fast) jeder kann seine Gefühle und Gedanken mithilfe von Facebook, Twitter oder anderen Sozialen Netzwerken öffentlich zum Ausdruck [...] bringen. Millionen von Menschen tun genau das, und sie tun es umsonst. Deshalb gibt es keinen prinzipiellen Unterschied mehr zwischen den normalen content providers und denen, die als professionelle Kreative gelten. Deshalb werden die Forderungen nach der Abschaffung des Copyrights auch immer lauter. Niemand befürchtet heute, dass mit der Abschaffung des Copyrights der Zufluss von Texten und Bildern versiegt. Die Erfahrung zeigt, dass es immer genug Leute gibt, die bereit sein werden, kostenlos Inhalte zu verbreiten. Die wirklich großen finanziellen Gewinne machen sowieso nur jene Unternehmen, welche die Infrastruktur bereitstellen.
Aber diese Unternehmen interessieren sich kaum mehr für den Inhalt, den die Nutzer abliefern. Sie interessieren sich fast ausschließlich für deren persönliche Daten, um sie an Firmen weiterzuverkaufen, die diese Daten für kommerzielle Ziele verwerten. Es ist also nicht wichtig, was jemand schreibt, sondern nur, dass er es tut. Dadurch outet er sich; er wird kontrollierbar und kommerziell verwertbar. Genau das aber eliminiert den Unterschied zwischen kreativer Klasse und ihrem Publikum.
Der Held unserer heutigen Kultur ist also nicht mehr der traditionelle Kreative; der Held ist heute der Netzwerker, der nach alternativen Möglichkeiten der Informationsverbreitung sucht. Die Helden von Wiki-Leaks und Occupy sind inzwischen berühmt geworden, aber es gibt viele andere Projekte, die neue Räume für den Informationsaustausch zu schaffen versuchen. Der Netzwerker bietet in der Regel keinen eigenen Inhalt an; stattdessen kümmert er sich darum, dass vernachlässigte Inhalte, die andere abliefern, freier fließen und für möglichst viele Menschen zugänglich werden.
Ist der Netzwerker nun ein Idealist oder ein Unternehmer? Treibt er Kapitalismuskritik, oder erweitert er seine Grenzen? Offensichtlich tut er beides. Datenflüsse fließen oft zusammen mit dem Fluss des Kapitals. Aber genauso oft fließen sie auf verschiedenen Kanälen - und manchmal sogar in gegenläufige Richtungen.
Die Tatsache, dass die kreative Klasse endgültig in der unhistorischen Gegenwart angekommen ist, bedeutet also noch lange nicht, dass sie mit dem herrschenden Kapitalismus ihren Frieden geschlossen hat. Vielmehr fungiert sie als virtuelle Administration jenes universalen und homogenen Staates, der [...] nach dem Ende der Geschichte entstehen sollte (und von dem wir auf der Ebene der politischen Realität immer noch weit entfernt sind). Die Märkte haben sich globalisiert - Politik und Kultur bleiben lokal. So versuchen heute viele Netzwerker, internationale Kommunikationsräume zu schaffen, die diese Diskrepanz zumindest teilweise kompensieren. Zwar geht es dabei nicht mehr um die Illusion einer historischen Distanz zur Gegenwart, um einen Blick auf das Große und Ganze; dafür aber können die Kritiker sicher sein, dass sie von ihrer Leserschaft verstanden werden, teilen sie mit ihr doch die aktuellen Erfahrungen, Befürchtungen und Vorlieben.

(Aus: Die Zeit, 30. August 2012, Seite 67)

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.