Donnerstag, 22. Oktober 2026

Steffen Roski: Die KI-Möwe

Die Kanten der hölzernen Dalben waren vom Salzwasser geschwärzt und von unzähligen Fluten rundgewaschen. Auf dem höchsten Pfahl, dort, wo die Hafenmole in die aufgewühlte Nordsee überging, saß Keno. Sein weißes Gefieder lag glatt am Körper an, nur die feinen Spitzen der Schwingen vibrierten im scharfen Ostwind.

Für die Menschen am Kai war Keno nur ein weiterer weißgrauer Schatten – ein lärmender Strandräuber mit gierigem Blick, der auf herabgefallene Pommes lauerte oder unvorsichtigen Spaziergängern das Fischbrötchen aus der Hand riss. Doch für Keno war der Hafen kein Schlaraffenland, sondern ein nervöser Vorhof des Meeres. Er kannte den Geruch von Teer, altem Diesel und gebratenem Fett ebenso gut wie den scharfen, metallischen Geschmack eines aufziehenden Sturms.

Heute roch der Wind anders. Er trug keine fette Beute von Land heran, sondern das dumpfe Grollen der offenen See.

Keno spreizte die Flügel, fing die aufsteigende Böe an der Kaimauer ein und ließ sich fallen. Einen Herzschlag lang stürzte er dem schaumigen Wellenschlag entgegen, fing den Windstoß mit einer leichten Drehung der Schwanzfedern ab und stieg lautlos empor. Während seine Artgenossen sich kreischend um eine überquellende Mülltonne an den Fischhallen balgten, drehte Keno ab. Er flog seewärts, dorthin, wo der Horizont in graue Gischt überging.

Über den Sandbänken veränderte sich das Licht. Der Himmel zog sich zu einer schweren, bleiernen Decke zusammen, und die Wellen türmten sich zu dunklen Kämmen auf. Keno senkte den Schnabel, die bernsteinfarbenen Augen fixiert auf die wandernden Schatten unter der Wasseroberfläche. Wo die Strömung auf die Untiefe traf, geriet ein kleiner Schwarm Sandaale in Verwirrung, aufgescheucht von der herannahenden Dünung.

Er klappte die Schwingen an. Der Sturzflug war kurz, präzise und lautlos. Mit den Füßen voran durchstieß er die Gischtkrone, tauchte für den Bruchteil einer Sekunde in die eisige Kälte ein und stieß wieder hervor – im gelben Schnabel ein silbern zappelnder Fisch.

Ein einziger kräftiger Ruck der Kehle genügte, dann trug ihn der nächste Aufwind wieder nach oben.

Der Wind frischte zu Sturmstärke auf. Mit meisterhafter Gelassenheit schnitt Keno durch die Böen, nutzte jede Luftwalze über den Wellentälern, glitt meilenweit ohne einen einzigen Flügelschlag. Hier draußen, zwischen der tosenden Brandung und dem endlosen Grau des Himmels, gab es keinen Lärm von Maschinen, keine Rufe, kein Gedränge um Brotkrumen. Es gab nur das Gleichgewicht aus Wind, Gewicht und Weite – das Gesetz des freien Flugs, das schon galt, lange bevor die Menschen ihre ersten Pfähle in den Schlick gerammt hatten.

Als der Abend dämmerte und die ersten Lichter des Leuchtturms über das aufgewühlte Wasser strichen, kehrte Keno zurück. Nicht zu den Hallen, sondern auf seinen Dalben an der Mole. Er schüttelte das Salz aus dem Gefieder, zog ein Bein an den Bauch und schloss die Augen gegen die Gischt, die als feiner Sprühregen über die Steine wehte.

Bild und Text KI-generiert.


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