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Dienstag, 28. August 2012

Hartmut Rosa: Das neue Lebensgefühl

Zum ersten Mal seit 250 Jahren werden in den westlichen Gesellschaften Menschen nicht mehr von der Hoffnung angetrieben, ihre Kinder sollten es besser haben als sie selbst. Vielmehr werden sie von der Furcht getrieben, es könnte ihnen schlechter gehen, der Status quo könne nicht zu halten sein.
Die Melancholie [...] rührt daher, dass das Bemühen um die Erhaltung des Bestehenden eben nicht einfach nur Stillstand signalisiert, sondern eine Kehrseite hat: Die Steigerung darf nicht aufhören, sollen keine schweren Krisen über uns hereinbrechen. Und so resultiert das "Post-Lebensgefühl" aus dem Bewusstsein, dass das Wachstum weitergehen muss, obwohl es nicht nur ökologisch desaströs ist, sondern nicht einmal ökonomische Knappheit und soziale Exklusion zu überwinden vermag. Gerade weil in den USA und in Spanien zu viele Wohnungen gebaut wurden, erlieren immer mehr Familien ihre Unterkunft und finden sich unter Brücken wieder. Oder: Die Steigerung des Bruttosozialprodukts führt nicht zu einer Entspannung, sondern zur Verschärfung des Wettbewerbs. Die Politik wird den Rechts- und Sozialstaat immer weiter reformieren, ohne die Qualität des Gemeinwesens zu verbessern, und die (bald biotechnischen und pharmazeutischen) Beschleunigungstechnologien werden neue Zeitsparmöglichkeiten eröffnen. Und doch glaubt niemand mehr, dass sich dadurch Stress und Zeitknappheit überwinden ließen. Schlimmer noch: Wachstum, Beschleunigung und Innovationsverdichtung ereignen sich nicht von selbst, sie müssen von uns erbracht werden - doch je schneller sich die Welt schon dreht, je gewaltiger die Produktionsleistungen schon sind, umso schwieriger wird es, sie noch einmal zu steigern. Der psychische und ökologische Preis wird von Jahr zu Jahr höher. Wir müssen immer schneller laufen, um den Status quo zu erhalten.

(Aus: Die Zeit, 16. August 2012, Seite 52)

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.