Freitag, 27. Februar 2015

David Abulafia: The EU is in thrall to a historical myth of European unity. As Britain prepares to renegotiate its relationship with the European Union, historians must speak out against the false vision of 'inevitable' unification

"The events of the last few months have exposed serious shortcomings in the idea of a European demos. The current unwillingness of German creditors and Greek debtors to see eye to eye exposes the lack of solidarity at the heart of Europe. Far from making integration inevitable, the decisions of European leaders have pulled Europeans further apart.

It is time to admit that a sense of 'Europeaness' cannot be traced far back in time. Europe is not on myth but many myths, myths rooted in an idealusation of the classical past and in fantasies about figures such as Charlemagne. Attempts to create an artificial notion of 'Europe' distract from the reality of the situation and make it harder to rectify the many problems that exist within the EU's institutions."

Quelle: http://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/11435270/The-EU-is-in-thrall-to-a-historical-myth-of-European-unity.html

Ueli Bernays: Zurück zur Realität. Die afroamerikanische Musikszene im Zeichen von Ferguson und "Selma"

"Seit dem Black Nationalism eines Marcus Gravey (1887-1940) wecken Integrations-Erfolge der afroamerikanischen Minderheit regelmässig kulturpolitische Ängste: Man könnte der eigenen Identität Kultur verlustig gehen. Als drohte, wer sich zu weit über die 'Colour Line' hinauslehnte, das afroamerikanische Erbe zu verraten. Das zeigte sich auch in der Musikgeschichte immer wieder: Im Swing der dreissiger Jahre schien der Jazz seine schwarze Essenz zu verwässern; und der R 'n' B scheint in den achtziger Jahren im Mainstream auszubleichen - dies jedenfalls schrieb der Kulturkritiker Nelson George 1988 in 'The Death Of Rhythm and Blues'. Obama wurde mitunter nun mit R 'n' B-Sänger Lionel Richie verglichen, der nach seinem Start mit Soul seine Karriere später auf Pop-Schnulzen baute, um weltweit ein möglichst breites Publikum zu erreichen."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/pop--jazz/zurueck-zur-realitaet-1.18491228

Jakob Müller: Nicht einfach nur eine Ware. Wasser als ein Menschenrecht

"Vor allem die Privatisierung von Wasser sowie das Bestreben, es zu einer gewöhnlichen Handelsware zu machen, werden kritisiert und Auswüchse dokumentiert. (Maude Barlow: Blaue Zukunft. Das Recht auf Wasser und wie wir es schützen können. Verlag Antje Kunstmann, München 2014. 352 S.; SR) Im Zuge der Finanzkrise wurde etwa Portugal zur Entstaatlichung seiner Wasserversorgung gezwungen. Auf Anweisung der Regierung wurden alle ordentlichen Trinkbrunnen geschlossen. Gleichzeitig wurde Privathaushalten das Wasser abgestellt, wenn sie die gestiegenen Gebühren nicht mehr zahlen konnten. Dass der Zugang zu Trinkwasser auch für diejenigen garantiert sein muss, die es nicht bezahlen können, ist eine Kernforderung Marlows."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/nicht-einfach-nur-eine-ware-1.18490805

Beat Stauffer: Der Pater und die Afrikaner am Grenzzaun. Der spanische Priester Esteban Velazquez kümmert sich in Marokko um gestrandete Migranten

"'Das ist die Version der Betroffenen', betont Padre Esteban. Laut den marokkanischen Sicherheitskräften üben viele Migranten aber auch selber Gewalt gegenüber Grenzwächtern aus. Genau aus diesem Grund wäre es dringend nötig, an diesem Hotspot der afrikanischen Migrationsrouten internationale Beobachter zu stationieren, sagt Velazquez. Dies habe auch der europäische Kommissar für Menschenrechte gefordert. Doch das Anliegen werde offensichtlich sabotiert; weder Spanien noch Marokko hätten Interesse daran, in dieser Sache Transparenz herzustellen. Im Gegenteil: Immer mehr, so konstatiert Velazquez, komme es zu direkten, sogenannt heissen Rückführungen von illegal eingereisten Migranten, die den Grenzzaun überwunden hätten. So wurden am letzten Januarwochenende rund 400 Migranten umgehend nach Marokko zurückgeschafft, ohne dass sie in Spanien hätten einen Aylantrag stellen können. Für Velazquez eine eindeutige Verletzung internationaler Verpflichtungen der beiden Staaten."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/afrika/der-pater-und-die-afrikaner-am-grenzzaun-1.18490682

George Szpiro: "Intifooda" in New York

"Mitte Februar wollten zwei jüdische Geschäftsleute einen Stand namens 'Holy Rollers Kosher Cart', auf dem sie koschere Waren anbieten, ebenfalls an dieser Kreuzung aufstellen. Da die muslimischen Speisegesetze weniger streng sind als die jüdischen, dürfen Muslime koscheres Fleisch geniessen. Orthodoxen Juden ist das Umgekehrte nicht gestattet. Um ihre Kundschaft fürchtend, wollten die Betreiber der Halal-Fuhrwerke die Konkurrenz nicht zulassen. Die 'Halal-Mafia' stellte sich den Zuzügern in den Weg, und das folgende Wortgefecht wandte sich schnell - wie könnte es anders sein - dem Palästina-Konflikt zu. 'Landbesetzer', schrien die einen, 'Terroristen', die anderen. Am folgenden Tag berichteten Lokalzeitungen von der 'Intifooda' in Manhattans Midtown."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/intifooda-in-new-york-1.18490725

Donnerstag, 26. Februar 2015

Stefan Betschon: Apple bringt also ein Auto

"Apple bringt nun also ein Auto. Es ist eine Revolution, nicht weniger als das. Es ist mehr als ein Auto, es ist ein Verkehrssystem. Die wichtigste Innovation des iCar ist das 'i'. Es steht für 'Internet' und 'intelligent'. Ein iCar vernetzt sich mit anderen iCars. Die Autos sprechen sich ab bei der Navigation, hängen sich aneinander an, formieren einen Zug. Die Fahrer können zurücklehnen, iVideos anschauen, iTunes hören. Es ist, als fahre der iCar auf Schienen. Am Ziel angekommen, muss man sich nicht um einen Parkplatz kümmern. Man kann den iCar stehen lassen, später am selben Ort in einen anderen iCar einsteigen. Mein iCar ist dein iCar. Um Zugang zum Gefährt zu erhalten, braucht es keinen Schlüssel. Die iCar-Fahrer besitzen ein kreditkartengrosses Stück Plastic, das sie berechtigt, überall und immer in einem iCar Platz zu nehmen. Auf dem blauen Kärtchen steht: GA."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 26. Februar 2015 (Nr. 47, 236. Jg.), S. 34.

Nash Riggins: Here are some of the sex blogs that Google plans to wipe from the internet - and all the reasons why they shouldn't

"Pornography is just one of infinite forms of sexual expression. So, Google doesn't want to be associated with porn - we get it. Yet Blogger was bulit around the idea that information should be feely accessible in order to stimulate healthy debate. What happened to that?

Millions of users have spent the better part of a decade working to construct an extensive community on Blogger that offers a digital, sex-positive network of support. It shouldn't matter whether it's art, advice or strange pornography that most of us don't quite get. This is a sexual cull that goes against anything Blogger, Google and the internet stands for."

Quelle: http://www.independent.co.uk/voices/comment/google-banishing-explicit-sex-blogs-is-a-cull-that-goes-against-everything-the-internet-should-stand-for-10068778.html

Mittwoch, 25. Februar 2015

Kathrin Passig & Ira Strübel: Im Umgang mit Trollen

"In letzter Zeit ist häufiger zu lesen, Trolle seien soziopathische Gestalten, Narzissten, Sadisten, durch wissenschaftliche Tests eindeutig zu identifizieren. Es gebe quasi hier den Menschen und da den Troll. Jedoch existieren im Netz nicht allzu viele hauptberufliche Trolle. Die meisten unter ihnen trollen lediglich hie und da, quasi in Teilzeit, und sind sonst recht sympathische oder sogar empathiefähige Personen. Sie haben vielleicht einen recht eigenwilligen Sinn für Humor, sie schätzen die Provokation als Strategie, und manchmal sind sie der Meinung, dass die anderen Diskussionsteilnehmer einer kollektiven Illusion erliegen, an der jemand einmal kräftig rütteln muss. Der Aufruhr wegen eines Trollkommentars bedeutet häufig, dass sich an dieser Stelle ein heikler Punkt der Debatte befindet und die getrollte Seite die Sachlage etwas zu einfach dargestellt hat. Überprüfen sie nach gebührender (stiller) Empörung über die Form der Trollerei, ob an den Vorwürfen nicht doch im Kern etwas dran sein könnte."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/kolumnen/im-umgang-mit-trollen-1.18489737

David Signer: Die Hauptopfer der Jihadisten sind Muslime

"So sind wir es gewohnt, Islamisten vor allem als Feinde des Abendlandes wahrzunehmen. Westlichen Todesopfern wie den Mitarbeitern von 'Charlie Hebdo' oder getöteten IS-Geiseln wie James Foley wird eine gewaltige Medienaufmerksamkeit zuteil, und taucht in einer Hollywood-Produktion ein Islamist auf, geht es gemeinhein darum, dass er 'westliche Werte' gefährdet. Die Realität sieht anders aus. Die meisten Opfer der 'Glaubenskrieger' sind Muslime, sei es im Nahen Osten, sei es in Afrika. Sie beten, gehen in die Moschee, befolgen den Ramadan und trinken keinen Alkohol. Und trotzdem werden sie von den Fanatikern als Ungläubige schickaniert, bestraft, gefoltert, getötet. Weil sie falsch angezogen waren, eine Zigarette geraucht oder Musik gehört haben."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/aufgefallen/die-hauptopfer-der-jihadisten-sind-muslime-1.18489260

Dienstag, 24. Februar 2015

Paul Lendvai: Putins Triumph. Die Spaltung der Ukraine kann nicht mehr rückgängig gemacht werden

"Trotz durch den Sturz des Ölpreises und die westlichen Sanktionen ausgelöster wirtschaftlicher Schwierigkeiten genießt Putin - auch natürlich infolge der totalen Kontrolle der Medien - eine Popularität deutlich über 80 Prozent. Es bleibt vor diesem Hintergrund fraglich, ob die vielfach diskutierte Waffenhilfe durch die USA für die Ukraine Putin zum Nachgeben zwingen könnte. Von Merkel bis zu den meisten europäischen Beobachtern wird eher eine Eskalation des russischen Drucks mit unabsehbaren Konsequenzen befürchtet. Die langfristige Hoffnung auf den unvermeidlichen wirtschaftlichen Niedergang Russlands und die Überlegenheit westlicher Prosperität kann freilich die Spaltung der Ukraine nicht mehr rückgängig machen. "

Quelle: http://derstandard.at/2000012064907/Putins-Triumph

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Una Mullally: Why Greece's rebellious streak is so appealing

"There's something very appealing about Greece's current rebellious streak. Everyone loves a rebel, an underdog and a comeback, and Greece is now two of those. It is inevitable that even among the Irish - who benefited hugely from the European Union since its previously inception - grumpiness would start to creep in when the stark reality emerged that we're not all in this together after all. There are hierarchies, there are bosses, there are subordinates. There are sharks and minnows. And there is the Irish plankton. But Greece asserting itself brings to mind Èamon de Valera's love affair with asserting Ireland's miniature prowess, making an asset out of being a small nation, at least in rhetoric."

Quelle: http://www.irishtimes.com/opinion/una-mullally-why-greece-s-rebellious-streak-is-so-appealing-1.2112931

Stephan Russ-Mohl: Wenn Wachhunde zahm werden. Die heikle Nähe tonangebender Journalisten zur Machtelite

"Krügers (Uwe Krüger: Meiningsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten - eine kritische Netzwerkanalyse. Verlag von Halem, Köln 2013, 320 S.; SR) Befunde: Leitende Redaktoren der deutschen mronungsführenden Medien sind 'ausserhalb ihrer unmittelbaren journalistischen Pflichten vielfältig mit Politik- und Wirtschaftseliten verbunden'. Eine solche Einbindung könne 'als Ausdruck der Bemühung der Journalisten um hochrangige Quellen, um Information und Orientierungswissen aus dem Umfeld jener Akteure, die den grössten Einfluss haben, gesehen werden'. Doch dieses 'journalistisch durchaus ehrenwerte Bemühen' habe bedenkliche Begleiterscheinungen: Das 'embedding' der Journalisten führe dazu, dass diese die Sichtweisen der Entscheider-Eliten übernähmen - oder es würden eben nur solche Journalisten in die entsprechenden Hintergrundkreise, Stiftungen, Think-Tanks und zu nichtöffentlichen Konferenzen eingeladen, die deren Sichtweisen von vorneherein teilten."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 24. Februar 2015 (Nr. 45, 236. Jg.), S. 36.

Klaus Bartels: Stchwort: "Person"

"Wo einer 'die Hauptperson spielt', steht mit ihm das alte Wort wieder auf der Bühne. Hören wir die Wörter flüstern, wenn wir aus der individuellen 'persönlichen' Anlageberatung im Private Banking noch einen fernen Bezug auf die besondere Welttheaterrolle des sp persönlich Betatenen heraushören? Vielleicht, vielleicht auch nicht; jedenfalls hört der Kunde besser nicht weiter hin, sonst flüstert ihm das 'individuell' noch so etwas von unverteilten Dividenden, das 'persönlich' etwas von 'Vermummung' und das 'privat' etwas von 'Beraubung' - ja, von 'Beraubung'! - ins Ohr."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 24. Februar 2015 (Nr. 45, 236. Jg.), S. 19

Montag, 23. Februar 2015

Philippe Legrain: Greece Should Not Give In to Germany's Bullying. It's not just a question of being morally right - it's sound economics. And Athens has a lot more leverage than anyone thinks

"Let's face it: no advancrd economies in living memory have been as catastrophically mismanaged as the eurozone has been in recent years, as I document at length in my book, European Spring. Seven years into the crisis, the eurozone economy is doing much worse than the United States, worse than Japan during its lost decade in the 1990s and worse even than Europe in the 1930s: GDP is still 2 percent lower than seven years ago and the unemployment rate is in double digits. The policy stance set by Angela Merkel's government in Berlin, implemented by the European Commission in Brussels, and sometimes tempered - but more often enforced - by the European Central Bank (ECB) in Frankfurt, remains disastrous. Continuing with current policies - austerity and wage cuts, forbearance for banks, no debt restructuring or adjustment to Germany's mercantilism - is leading Europe into the ditch; the launch of quantitative easing is unlikely to change that. So settling for a 'compromise' that shifts Merkel's line by a millimeter would be a mistake; it must be challenged and dismantled."

Quelle: http://foreignpolicy.com/2015/02/19/greece-should-not-give-in-to-germanys-bullying-euro-syriza-merkel-varoufakis/

Christin Severin im Gespräch mit Siegbert A. Warwitz: Nicht nur Kriegs-, auch Friedensspiele sind umstritten. Der Psychologe Siegbert A. Warwitz plädiert für das Sammeln möglichst vielseitiger Erfahrungen

Siegbert A. Warwitz: "Im Gegensatz zu den Kriegsspielen sind die Friedensspiele meist von Erwachsenen kreiert. Das Spielen wird hier zu pädagogischen Zwecken instrumentalisiert. Es kommt im freien Kinderspiel kaum vor. Mit den Friedensspielen werden zudem eher die schwächeren Kinder angesprochen, die dynamischeren bevorzugen den Wettstreit. Anders als die Sportspiele wie Fussball- oder Basketball stellen die Friedensspiele wie das Erdballspiel taktisch und bewegungstechnisch meist nur geringe Ansprüche. Das Fehlen des Kämpferischen verringert die Spannung und macht die Spiele schnell langweilig."

Quelle: http://www.nzz.ch/wissenschaft/bildung/warum-friedensspiele-umstritten-sind-1.18488551

Niels Anner: Big Professor. Dänische Studierende lassen sich rund um die Uhr überwachen - von ihren Dozenten

"Für 'SensibleDTU' werden zudem Standortdaten aufgezeichnet. Diese liefert der GPS- aber auch der Wi-Fi-Empfänger, wenn er nach Netzen sucht. Am genauesten ist aber Bluetooth: Wenn zwei Telefone über den Kurzstreckenfunk Verbindung aufnehmen, erschliesst sich daraus, dass die Handy-Besitzer nahe beieinander stehen; ist der Abstand sehr klein, führen sie vermutlich von Angesicht zu Angesicht ein Gespräch miteinander. Damit ist der Link von den Daten zum physischen Kontakt zwischen zwei Menschen hergestellt, für die Forscher eine völlig neue Perspektive. Sie können nun messen und aufzeichnen, wie Telefon- und Internetkommunikation mit persönlichen Treffen zusammenspielen. 'Interessant ist letztlich nicht die einzelne Person, sondern das Gesamtbild', sagt Sune Lehmann, der mit Psychologen, Soziologen und Ökonomen kollaboriert. Das Ziel ist, mit dem riesigen Datenberg Verhaltensmuster von Gruppen zu analysieren. Daraus folgt die nächste Frage: Wie kann ein Netzwerk beeinflusst und wie sein Verhalten vorausgesagt werden? Konkret heisst das zum Beispiel: Warum feiern gewisse politische oder ideologische Botschaften und Werbekampagnen einen Schneeball-Erfolg, während andere nie ins Rollen kommen? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Likes auf Facebook und Tipps, die man Freunden im persönlichen Kontakt gibt? Oder: Wie beeinflusst uns unser Umfeld? Wird jemand schneller übergewichtig, wenn er viele Freunde hat, die sich ungesund ernähren? 'Wir wissen bisher enorm wenig über solche Mechanismen', sagt Lehmann."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 23. Februar 2015 (Nr. 44, 236. Jg.), S. 39.

Elisa Hübel: "Alles ist zu teuer". Viele Athener haben weniger Geld in der Tasche und erhoffen sich von der neuen Regierung Besserung

"Der 38-jährige Panos V. sitzt in seinem Kiosk am Athena Omonia-Platz, im Herzen der Stadt. Sein Arbeitsplatz ist sehr eng, nur er und ein Stuhl finden Platz. Dafür breiten sich rings um ihn herum viele Waren aus, die man in manchen Supermärkten nur schwer findet. Vom Feuerzeug bis zum Zahnstocher hat er manch Nützliches im Angebot. Vor seinem Kiosk drängen sich vier, fünf Passanten. Sie lesen die Titelseiten der Zeitungen: 'Schäuble teilt Europa', 'Tauziehen zwischen Athen und Berlin', 'Schäuble hat Durst nach Blut', 'Die Mutter aller Schlachten' und 'Plan zur Vernichtung der Griechen'. Die Zeitung 'Akropolis' titelt sogar: 'Es kommt die Hölle', und ruft die Leser dazu auf, die Schränke mit Spaghetti zu füllen und ihr Geld unter den Fliesen zu verstecken. Der Kioskbesitzer Panos schüttelt den Kopf: Der Verkauf der Zeitungen sei in den Jahren seit dem Ausbruch der Krise deutlich zurückgegangen. Auch jetzt läsen alle nur die Titelseiten, keiner wolle mehr Zeitungen kaufen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/alles-ist-zu-teuer-1.18487786

Christoph Eisenring: Nach Triumph ist Berlin nicht zumute. Athen hat sich Sympathien in allen Lagern verscherzt

"Für den Leiter des Jacques Delors Instituts (Henrik Enderlein von der Hertie School of Governance; SR) wäre der Grexit die schlimmste Variante für Griechenland und teuer für Deutschland. Deutschland ist Griechenlands grösster Gläubiger mit etwa 60 Mrd. €. Sinn (Leiter des Ifo-Instituts; SR) und Mayer (früherer Chefökonom der Deutschen Bank; SR) halten dagegen: Schlimmer als in den letzten fünf Jahren könne es für Griechenland mit einer Arbeitsosenquote von 26% gar nicht mehr kommen. Enderlein hängt auch deshalb am Euro, weil die gemeinsame Währung dem Freihandel förderlich sei. Hier mag man einwenden, dass sich die Volkswirtschaften in der Krise weiter auseinanderentwickelt haben, was die Basis des Euro untergräbt."

Quelle: Neue Zürcher Zeiting, 23. Februar 2015 (Nr. 44, 236. Jg.), Titelseite.

Samstag, 21. Februar 2015

Florian Bieber: Abkehr von der Demokratie. In zahlreichen Staaten Südosteuropas haben sich Herrscher etabliert, die zunehmend die Grundlagen einer funktionierenden Demokratie untergraben, auch wenn sie demokratische Regeln formal einhalten. Die Haltung der EU stützt das autoritäre Gebaren dieser Politiker.

"So sah sich in Montenegro eine NGO-Aktivistin und scharfe Kritikerin der lang anhaltenden Herrschaft Milo Djukanovics dem von der Boulevardzeitung 'Informer' erhobenen Vorwurf 'perverser sexueller Praktiken' ausgesetzt. Dass zwischen den beiden Vorgängen kein Zusammenhang besteht, ist wenig wahrscheinlich. In Serbien feiert dieselbe Zeitung den neuen starken Mann Serbiens, Aleksandar Vucic, auf Schritt und Tritt, andere Medien üben sich in Selbstzensur. Die ehemals kritische - da die Opposition unterstützenden - Boulevardzeitung 'Blic' (sie gehört der Schweizer Ringier-Gruppe und dem deutschen Axel-Springer-Verlag) erhob gegen den bekannten schwulen Schauspieler Goran Jevtic den - offenbar unbegründeten - Vorwurf der Pädophilie und huldigte gleichzeitig Vucic mit seinem Tagebuch aus Davos. So entsteht ein Klima der Angst, in dem kritische Medien und Intellektuelle zunehmend zögern, Regierungen zu kritisieren, die Öffentlichkeit wird zur Regimetreue erzogen."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/abkehr-von-der-demokratie-1.18486108

Gerd Kolbe: Pegida als Sprungbrett für Rechtsradikale. Rechtsextreme Parteien und Hooligans vereinigen sich im politischen Kampf gegen Ausländer

"Die Ruhrgebiets-Metropole Dortmund hat sich ungewollt den Ruf einer braunen Hochburg erworben. Pro NRW sucht man in der Dortmunder Stadtverordnetenversammlung zwar vergeblich, stösst dafür aber auf die Partei Die Rechte. Sie präsentiert sich als die brutalste der Splittergruppen am rechten Rand. Dass einer der Ihren einen Punker mit einem Messerstich tötete, war ihr eine Freudenfeier wert. Die Mitglieder protestieren laut vor Asylbewerberheimen und verbreiten ein Klima der Angst. Anonyme Drohungen gehören zum gängigen Repertoire der Partei. So kommt es vor, dass Kritiker die eigene Todesanzeige im Briefkasten vorfinden. Nachweisen konnte die Polizei den Neonazis diese Taten bisher nicht."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/pegida-als-sprungbrett-fuer-rechtsradikale-1.18486124