Montag, 30. März 2015

Martin Zapfe: Zerfall der Staatenordnung im syrisch-irakischen Krisenbogen. Das Machtgefüge im Nahen und Mittleren Osten löst sich auf

"2015 sind Syrien und der Irak nun Schauplatz eines einzigen, grenzübergreifenden Krieges mit vielen unübersichtlichen Fronten, Akteuren und Kriegszielen. Zu Beginn der Präsidentschaft Barack Obamas bürgerte sich ein, Afghanistan und Pakistan als Schauplatz eines einzigen Konflikts mit der Wortschöpfung 'Afpak' zu bezeichnen. Analog hilft es zum Verständnis des Nahen und Mittleren Ostens, von einem Kriegsgebiet 'Syrak' zu sprechen."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 30. März 2015 (Nr. 74, 236. Jg.), S. 6.

Roman Bucheli: Die Rückeroberung des Ich. Wie der Selfie-Stick als verlängerter Arm die Optimierung des Selvstbildes unterstützt.

"Roland Barthes konnte in der Fotografie noch 'das Auftreten meiner selbst als eines anderen' beobachten. Es finde dabei 'eine durchtriebene Dissoziation des Bewusstseins von Identität' statt, notierte er in seinem Buch 'Die helle Kammer'. Davon ist gerade noch eine fahle Parodie geblieben, und die 'durchtriebene Dissoziation' wird in ihr Gegenteil gewendet: Das 'Bewusstsein von Identität' holt sich mit dem Gestänge seine ebenso schamlos sichtbare wie robuste Armierung. Dieses Ich braucht noch nicht einmal mehr auf der Strasse einen Passanten anzusprechen, um sich in Pose fotografieren zu lassen. Mit dem Auslöser im Sack und der Kamera auf der Stange kann jeder Lebensaugenblick und können selbst ganze Sequenzen nach eigener Massgabe und jederzeit fotografisch oder filmisch dokumentiert und für die eigene kleine Ewigkeit fixiert werden."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/die-rueckeroberung-des-ich-1.18511504

Samstag, 28. März 2015

Luke March: Beyond Syriza and Podemos, other radical left parties are threatening to break into the mainstream of European politics

O"Even some of the larger, more established parties such as the German Die Linke and Dutch Socialist Party have struggled to increase their perspectives during the crisis. Gradual moderation to offer governing perspectives has often risked disappointing more radical supporters while failing to fully convince new voters and coalition partners that they mean business, while the business community itself often weighs in heavily against the radical left and their supposedly obsolete, 'extreme' or 'far left' policies. At the same time the radical right often benefits more than the radical left, mainly because they are more ideologically flexible than the left an can appropriate left-wing arguments (defence of the welfare state, protection of workers) while the left often struggles to come up with a popular response to right-wing arguments. Repugnant though anti-immigration sentiment is, it can be electorally dynamic in a way that international solidarity is not."

Quelle: http://blogs.lse.ac.uk/europpblog/2015/03/24/beyond-syriza-and-podemos-other-radical-left-parties-are-threatening-to-break-into-the-mainstream-of-european-politics/

Daniel Steinvorth: Auf den Spuren des "Kalifats". Herausforderung IS

"Mit der besonderen Entstehubgsgeschichte des IS, vor allem mit den Biografien des Gründers Abu Musab al-Zarkawi und des heutigen IS-Chefs Abu Bakr al-Baghdadi, hat sich der deutsche Islamwissenschafter Guido Steinberg (Kalifat des Schreckens. Knaur TB, München 2015. 208 S.; SR) beschäftigt. In seinem Buch mit dem etwas reisserischen Titel 'Kalifat des Schreckens' zeichnet er präzis den bis 2014 wenig beachteten Aufstieg der Jihadisten nach. Als Wegmarken seien dabei genannt die fatale Irak-Offensive der Amerikaner, der darauffolgende Bürgerkrieg - der dem fanatischen Schiitenhasser Zarkawi ein ideales Schlachtfeld bot - sowie der Staatszerfall und das sich hieraus ergebende Machtvakuum in Syrien und im Irak."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/politische-literatur/auf-den-spuren-des-kalifats-1.18509861

Wolfgang Taus: Die NSA als Religion. Datenhunger ohne Grenzen

"Damit scheint die NSA an den demokratischen Grundfesten des Rechtsstaates zu rütteln. Aus Demokratie wird schrittweise eine Überwachungsdemokratie - im Namen einer angebluchen 'Demokratieoptimierung'. Damit scheine, historisch gesehen, der moderne demokratische Rechtsstaat zurückzufallen auf die Stufe einer altindischen Monarchie im 4. Jh. n. Chr. mit ihrem Theoretiker Kautilya. In seinem Staatsmodell war der Mensch nicht von sich aus ein staatsteagendes Wesen, sondern bedurfte ständiger Gängelung und Überwachung. Jeder Bürger war potenzieller Staatsfeind. Im Reich des Bösen seien die Bösen stets die anderen, betont der Autor (Bernhard H. F. Taureck: Überwachubgsdemokratie. Die NSA als Religion. W.-Fink-Verlag, Paderborn 2014. 103 S.; SR)."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/politische-literatur/die-nsa-als-religion-1.18510176

Stefan Betschon: Googles Geheimnisse

"Die Wissenschaftlichkeit von (Robert; SR) Epsteins Studien ist nicht über alle Zweifel erhaben. Doch der Verdacht, dass eine Firma, die die Informationsvermittlung im Internet kontrolliert, einen grossen Einfluss auf die politische Meinungsbildung besitzt, ist nicht von der Hand zu weisen. Deshalb diskutieren jetzt deutsche Politiker 'Transparenzverpflichtungen für meinungsrelevante Algorithmen'. Google soll die 'geheime Formel seiner Suchmaschine' ('Spiegel'), die 'Suchformel' ('Bild') offenlegen."

Quelle: Neue Zürcher Zeitung, 26. März 2015 (Nr. 71, 236. Jg.), S. 34.

Andrea Spalinger: Ein Leben ohne Perspektive. Kibrom Tefamihret hatte einst grosse Hoffnungen - nun steckt der Eritreer in Italien fest, wo es weder Jobs noch Hilfe für Flüchtlinge gibt

"Eritrea ist ein autoritärer Staat, der Andersdenkende verfolgt und Bürger zu jahrelangem Militärdienst zwingt. Flüchtlinge aus dem ostafrikanischen Land erhalten überall in Europa humanitäre Aufnahme oder Asyl. Er habe damals leider keine Ahnung von 'Dublin' gehabt, erklärt Tesfamihret. Mittlerweile seien die Flüchtlinge besser informiert. Eritreer versuchten, nach der Ankunft unterzutauchen und weiterzureisen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/der-eritreer-kibrom-tesfamihret-ist-nach-seiner-flucht-in-rom-auf-der-strasse-gelandet-1.18509382

Ulrich Schmid: Empfindliche Potentaten. In Kuwait sind Sicherheitskräfte gewaltsam gegen Kritiker des Emirs vorgegangen. Dieser soll sich, wie andere Golfherrscher auch, beleidigt gefühlt haben.

"Demonstriert wurde für die Freilassung des Oppisitionsführers Mussallam al-Barrak, der 2014 festgenommen und wegen Beleidigung des Emirs von Kuwait zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt worden war. 'Beleidigung', rechtlich extrem lax definiert, ist in den meisten Golfstaaten ein schweres Verbrechen und kann mit Leichtigkeit gegen politische Gegner eingesetzt werden. Bestraft wird in Kuwait auch die Beleidigung ausländischer Herrscher: Der 26-jährige Satiriker Muhammad al-Ajmi etwa wurde nach eigenen Angaben mehrfach festgesetzt und verhört, weil er einen Tweed gepostet hatte, in dem er das saudische Königshaus beleidigt und das (in Riad offenbar als positiv eingestufte) Menschenrechtsimage des Landes brschädigt haben soll."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/naher-osten-und-nordafrika/empfindliche-potentaten-1.18509336

Donnerstag, 26. März 2015

Peter Hornung: Datenleck bei Bertelsmann-Tochter Infoscore

"Infoscore hat nach eigenen Angaben von 7,8 Millionen Verbrauchern Daten, die auf finanzielle Schwierigkeiten hinweisen: von Mahnbescheiden über erfolglose Pfändungen bis hin zu Haftbefehlen für hartnäckige Schuldner. All das konnte man auch über das Mieterportal erfahren."

Quelle: http://www.ndr.de/info/programm/Datenleck-bei-Bertelsmann-Tochter-Infoscore,datenschutz364.html

Enver Robelli: Hetze gegen eine halbe Million Menschen. Mit Klischees ist der Balkan nicht zu erklären. Ein Stück Schweizer Geschichte zeigt, weshalb.

"Die Schweiz hat nicht die falschen Ausländer rekrutiert, wie rechtsnationale Kreise behaupten, sondern mit einer falschen Migrationspolitik das Problem verschärft. Dennoch: Die Integration der Menschen aus dem Balkan verläuft schneller als jene der Italiener vor 30 oder 40 Jahren. Davon zeugen nicht nur Baufirmen, Malergeschäfte und Restaurants, die hierzulande von Menschen aus dem Balkan gegründet, geöffnet oder geleitet werden. Davon zeugen auch immer mehr Jungpolitiker und gut ausgebildete Handwerker. Sie sind ein Teil der Schweiz. Und sie werden hier bleiben."

Quelle: http://www.tagesanzeiger.ch/leben/gesellschaft/Hetze-gegen-eine-halbe-Million-Menschen/story/10311804

Dienstag, 24. März 2015

Rainer Stadler: Griechischer Salat

"Und nun? Hat Varoufakis etwas erreicht? Volksvertreter und Minister müssen sich für ihr Land einsetzen. Doch am Schluss zählt das Resultat, nicht der tolle Tanz auf der Medienbühne. Das Affentheater um einen exponierten Mittelfinger des Griechen mündete in der vergangenen Woche in ein Massaker an allen Beteiligten. Auslöser war Günther Jauch, der in seiner Talkshow Effekthascherei betrieb, indem er einen Videomitschnitt von Varoufakis’ Skandalfinger aus dem Zusammenhang riss. Der Finanzminister sprach darauf von einer Fälschung. Der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann wiederum inszenierte sich als angeblicher Fälscher der Videoszene. Zahlreiche Zeitgenossen fielen darauf herein, und Varoufakis sah sich in seinem Vorwurf bestätigt, bis das ZDF den Fall auflöste. Ein formidabler Trick, um die Einschaltquote zu erhöhen. Und was für eine Blamage. Journalisten wissen, dass der Einsatz von Ironie heikel ist, weil flüchtige Konsumenten den doppelten Boden einer Botschaft oft nicht wahrnehmen. Umso peinlicher, wenn es nun die engere Gemeinde nicht merkte. Die sekundenschnelle Dauerkommunikation treibt selbst manchen medial Gestählten in die Besinnungslosigkeit."

Quelle: http://medienblog.blog.nzz.ch/2015/03/24/griechischer-salat/

Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

Wolfgang Sofsky: Die Wunder der Illusion. Karl Heinz Bohrer versucht die Künste vor kunstfremden Übergriffen zu retten

"Bohrers Gewährsleute sind nicht unbekannt: Novalis, Brentano, Baudelaire, Nietzsche, Bataille oder auch Heinrich von Kleist, dessen «Michael Kohlhaas» er nicht als Lehrstück über die fatalen Folgen des moralischen Rigorismus liest, sondern als Exemplum «imaginativer Intensität». Der «gottverdammte, entsetzliche» Mordbrenner stürzt im Kleistschen Text von Augenblick zu Augenblick. Er erbleicht, errötet, gerät ausser sich, bewegt sich knapp vor dem Abgrund. Doch was Bohrer als Schreibweise eines rätselhaften Ausnahmezustands identifiziert, widerspricht der moralischen Lesart nicht, sondern bestätigt sie. Unbedingt ist die Wut zur Rache. Kohlhaas ist kein Prinzipienreiter, er agiert im Sog der Vergeltung, die ihr Ende nicht in Ausgleich oder Strafe findet, sondern in Vernichtung rundum."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/die-wunder-der-illusion-1.18508371

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Mark Lilla: Europa - eine Frage des Selbstbewusstseins. Selbstbewusstsein ist ein zentraler Punkt in der Politik, besonders in der Aussenpolitik. Europa aber hat keine Strategie. Europas Standpunkt liegt im Nirgendwo.

"Welche Rolle also kann Europa spielen? Denken wir an Kanada. Kanada hat ein ganz klares Selbstverständnis. Es weiss, dass es keine grosse Vergangenheit, kein historisches Schicksal für sich reklamieren kann. Es versteht, dass all seine Macht vom Nachbarn USA abhängt. Es akzeptiert, dass es für seine Bürger und Einwanderer nicht mehr tun kann, als ihnen ein sicheres Umfeld zu bieten, in dem sie ihre wirtschaftliche Lage verbessern können. Dieser Aufgabe wird der Staat in bemerkenswerter Weise gerecht. Kanada weiss auch, dass es sich als Mitglied der internationalen Staatenge einschaft hin und wieder mit anderen Nationen zu diplomatischen und militärischen Aktionen zusammentun muss. Kanada erklärt seine militärische Macht nicht zum Fetisch, wie die USA es tun. Genauso wenig erhebt es das internationale Recht zum Götzen, wie die Europäer es machen. Kanada ist frei von der Bürde nationaler Identität und historischer Katastrophen und hat daher eine einzigartige Stellung inne: als kleiner, gewitzter und selbstbewusster Bürger der internationalen Gemeinschaft."

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/europa--eine-frage-des-selbstbewusstseins-1.18507638

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Stephanie Geiger: Offene Ohren und eine Tasse Tee. Rund 300 000 Personen leben in Deutschland ohne festen Wohnsitz, viele von ihnen auf der Strasse. In Berlin kümmert sich ein Team der Stadtmission um die Obdachlosen. Geschichten einer Nacht in der Hauptstadt.

"Verlässliche Zahlen über Wohnungslose gibt es nicht. 2012 waren laut Schätzungen der BAGW rund 284 000 Personen in Deutschland ohne Wohnung, übernachteten bei Freunden und Bekannten, in einer Pension oder auf der Strasse. Das war gegenüber 2010 ein Anstieg um 15 Prozent. Die Strassenobdachlosigkeit hat im selben Zeitraum um 10 Prozent zugenommen. Die BAGW prognostiziert bis 2016 einen weiteren Anstieg der Wohnungslosigkeit um etwa 30 Prozent auf dann 380 000 Personen – zusammen wären sie eine Stadt etwas grösser als Bochum. Wohnungslosigkeit trifft laut BAGW die Menschen in Ost- und Westdeutschland gleichermassen. Überwiegend sind sie alleinstehend, ein Drittel lebt aber mit Partner oder sogar Kindern. Die BAGW schätzt, dass jeder zehnte Wohnungslose minderjährig ist."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/offene-ohren-und-eine-tasse-tee-1.18508840

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Elena Panagiotidis: «Es ist wichtig, dass diese Wunde nicht weiter schwärt». Viele Opfer des deutschen Besatzungsterrors in Griechenland wurden nie entschädigt

"Im Frühjahr 1943 wurden innert weniger Wochen 45 000 der 50 000 Mitglieder zählenden jüdischen Gemeinde von Thessaloniki nach Auschwitz und Treblinka deportiert. 90 Prozent von ihnen wurden ermordet. Massaker an der Zivilbevölkerung wie in Distomo wurden von SS- und Wehrmachtssoldaten auch in Kalavryta, Lingiades und anderen Orten verübt. Als die Nationalsozialisten 1944 abzogen, waren über 1000 Dörfer niedergebrannt, eine Million Menschen obdachlos. Drei Viertel der griechischen Handelsflotte waren versenkt, die Infrastruktur zerstört."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/europa/es-ist-wichtig-dass-diese-wunde-nicht-weiter-schwaert-1.18507644

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Montag, 23. März 2015

Reinhard Frankl (über den Anti-Bertelsmann-Verteiler): Bertelsmannkuratorin Berichterstatterin des Ausschuss für intetnationalen Handel (INTA) für TISA-Entwurf-Empfehlungen

"In einer ppt von Louise Høl Larsen (ETUCE) lese ich gerade unter dem Abschnitt Entwurfempfehlungen des Ausschusses für internationalen Handel (INTA, Vorsitzender Nernd Lange, SPD): 'Mrs Viviane Reding is the rapporteur for the TiSA recommendations.'

Wem die Frau nicht schon bekannt ist, kann bei Wikipedia nachlesen und findet u.a.:

'Angebote der Privatwirtschaft

Nach dem Wechsel von der Europäischen Kommission ins Europäische Parlament im Juli 2014 erhielt Viviane Reding mehrere Angebote der Privatwirtschaft.

Seit 1. Januar 2015 ist sie Mitglied im Kuratorium der Bertelsmann Stiftung (Medien) und wird in Zukunft dem Verwaltungsrat bei Nyrstar (Bergbau) und der Agfa-Gevaert AG (Fototechnologie) beiwohnen. Außerdem erhielt sie Angebote, für die (noch in Planung befindliche) UEFA Foundation for Children und für verschiedene Referenten-Agenturen zu arbeiten.

In diesem Zusammenhang hat es Kritik wegen möglicher Interessenskonflikte und des politischen Drehtüreffekts gegeben.

Viviane Reding selbst betrachtet ihre Nebenbeschäftigungen als unproblematisch; ebenso wurden diese seitens der Europäischen Kommission genehmigt.'

Also aus meiner Sicht nicht gerade die Garantin für gewerkschaftliche Bildingsinteressen."

Samstag, 21. März 2015

Daniel Steinvorth: Nacht über Syrien. Der Horror des Bürgerkrieges geht in sein fünftes Jahr, ein Ende ist nicht in Sicht. Schuld ist die Hilflosigkeit der Uno, der Zynismus der Schutzmächte und das Zögern des Westens.

"Reden wir über Syrien. Reden wir, auch wenn einige es nicht mehr ertragen, über die grösste humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg. So haben die Vereinten Nationen den Krieg in Syrien bezeichnet, und das erscheint nicht übertrieben. In den vergangenen vier Jahren sind bis zu 220 000 Menschen im Land getötet worden. Etwa 11 Millionen, die Hälfte der Bevölkerung, wurden zu Flüchtlingen im eigenen Land und ausserhalb. Sechs Prozent sind nach Uno-Angaben tot, verstümmelt oder verwundet. Zwei Drittel der Syrer leben in 'extremer Armut'. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist von 75,9 auf 55,7 Jahre gesunken. Das sind zwei Jahrzehnte. Aber was bewirken diese Zahlen? Als sich vor einigen Tagen, am 15. März, der Beginn des Aufstands gegen das Assad-Regime zum vierten Mal jährte, berichteten die meisten Medien mehr pflichtschuldig als engagiert. Einige stellten aufwühlende Dokumentationen ins Internet und wunderten sich danach über schwache Klickzahlen. Hilfsorganisationen klagen über Desinteresse. Gespendet wird kaum noch. Erst drei Prozent des erforderlichen Jahresbudgets von 297 Millionen Dollar seien bisher eingegangen, berichtete kürzlich das Uno-Kinderhilfswerk. Warum verdrängen wir das Grauen? Weil uns die Ausweglosigkeit des Konflikts frustiert?"

Quelle: http://www.nzz.ch/meinung/debatte/nacht-ueber-syrien-1.18506788

Sebastian Loschert: Der Wotan in uns. In allen Gesellschaftsschichten ist Esoterik angesagt. Das macht ihre Nähe zum rechten und verschwörungstheoretischen Gedankengut umsongefährlicher.

"Der Wunsch der rechtsextremen Esoteriker, in die Wälder Germaniens zurückzukehren, wird etwa am Sortiment des Versandhauses der 'Deutschen Stimme', dem Organ der NPD, deutlich. Da gibt es von Wurzelholzschalen, Feenfiguren, Thorhämmern bis Odin-Wanderstäben alles, was das regressive Herz begehrt. Neben dem Neo-Paganismus, der der jüdisch-christlichen Religion als weniger abstrakt, 'natürlicher' oder 'artgerechter' entgegengesetzt wird, hat auch die Ökologie eine lange Tradition in der rechten Szene. Neuheidentum und braune Ökologie finden sich heute in der Bewegung der 'völkischen Siedler' zusammen, die in verwaisten ländlichen Gebieten einen 'arischen' Lebensstil pflegen."

Quelle: Jungle World, 19. März 2015 (Nr. 12, 19. Jg.), S. 5.

Uwe Justus Wenzel: Das Kreuz mit dem Kopftuch. Der weltanschaulich neutrale Staat und die pluralistische Gesellschaft.

"Einen Generalverdacht gegen ein bestimmtes Erscheinungsbild von Lehrpersonen auszusprechen, so die Richter, sei unzulässig. Für ein Verbot des Kopftuchs reiche dessen 'bloss abstrakte Eignung zur Begründung einer Gefahr für den Schulfrieden oder die staatliche Neutralität' nicht aus. Es müsse eine 'konkrete Gefahr für die Schutzgüter' gegeben sein, zu denen auch die 'negative' Glaubensfreiheit der Schüler und Eltern zählt. Denkbar sei allenfalls, dass aufgrund 'substanzieller Konfliktlagen' in bestimmten Schulbezirken für eine gewisse Zeit 'religiöse Bekundungen' generell unterbunden werden."

Quelle: http://www.nzz.ch/feuilleton/der-weltanschaulich-neutrale-staat-und-die-pluralistische-gesellschaft-1.18506702

Stefan Mogl & Oliver Thränert: Die Rekonstruktion eines Pockenvirus. Zukünftige biochemische Waffen sind eine Herausforderung, auf die Regierungen kaum vorbereitet sind

"Die wachsenden Überschneidungen zwischen Chemie und Biologie werden besonders dann sichtbar, wenn - vereinfacht ausgedrückt - Biologie Chemie produziert und Chemie Biologie. Chemikalien werden mithilfe biologischer Katalysatoren hergestellt, wie etwa Enzymen, oder mithilfe sich selbst vermehrender Orgamismen. Bekannte Organismen werden verändert, damit sie Chemikalien produzieren können. Umgekehrt wird es möglich, Organismen chemisch herzustellen. So gelang Forschern bereits 2002 mithilfe einer Bauanleitung aus dem Internet, frei zugänglichen Genom-Daten sowie gewöhnlichen Labormaterialien der Nachbau des Poliovirus. Dieses Virus gehört zwar zu den am einfachsten aufgebauten Organismen, doch erscheint es grundsätzlich möglich, auch komplexere Viren, beispielsweise das Pockenvirus, zu rekonstruieren. Da Pocken seit 1980 aus ausgerottet gelten und seitdem keine Impfungen mehr stattfanden, hätte dies weitreichende Folgen: Staaten oder auch Terroristen könnten Pocken absichtlich ausbringen."

Quelle: http://www.nzz.ch/international/die-rekonstruktion-eines-pockenvirus-1.18505948