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Mittwoch, 4. Juli 2012

Ulrich Brand: Wachstum und Herrschaft - Essay

Viele Debatten in Deutschland zeichnen sich bislang durch die weitgehende Ignoranz gegenüber Erfahrungen in Gesellschaften des globalen Südens aus. Insbesondere "China“ dient als Folie, wenn es um die fehlende Nachhaltigkeit nachholender Modernisierung und Industrialisierung sowie globale geopolitische und geoökonomische Konkurrenz geht.[37] Im globalen Norden scheint derzeit Konsens zu sein, der Forderung aus dem globalen Süden stattzugeben, dass dieser wachsen können muss. Die meisten Regierungen sowie die Ober- und Mittelschichten südlicher Länder setzen in der Tat auf Wirtschaftswachstum, das mit Naturausbeutung einhergeht. Das wird von den Strategien der Rohstoffsicherung der nördlichen Regierungen und der internationalen Institutionen unterstützt. Die lokale Bevölkerung hat meist wenig oder gar nichts von der Ausbeutung von Ressourcen, sie muss jedoch oft die negativen ökologischen Konsequenzen und Verwerfungen tragen. In den Ländern des globalen Südens wäre daher zu fragen, welchen demokratischen Gehalt die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung hat. Welche gesellschaftlichen Gruppen profitieren von den dominanten Entwicklungs- und Wachstumsformen und welche nicht? Sind tote Bergarbeiterinnen und Bergarbeiter aufgrund kostensparender mangelnder Sicherheit oder vertriebene Kleinbäuerinnen und Kleinbauern lediglich zu vernachlässigende "Kollateralschäden“ von Wachstum und Entwicklung? Müssen wir das Diktum der Wirtschaftswissenschaften als Wahrheit akzeptieren, dass insbesondere zu Beginn dynamischer Entwicklung eben die soziale Ungleichheit massiv zunimmt? Oder sollten wir genauer hinsehen, ob es in den Ländern wissenschaftliche und gesellschaftspolitische Debatten und politische Kräfte gibt, die sich gegen eine allzu brachiale kapitalistische Modernisierung stellen? In den Blick zu nehmen wären hier die qualitativen Veränderungen sozialer Beziehungen wie Arbeit oder Politik sowie die Formen gesellschaftlicher Bedürfnisbefriedigung.