Montag, 23. Juli 2012

Kurt Drawert: Der entrissene Text I

Zu Zeiten der Scholastik galt die Abschrift als eine Zeremonie der Übereinkunft mit dem heiligen Text. Das Abzuschreibende erlebte seine mythische Auferstehung dadurch, dass es von alten Büchern in neue übertragen wurde. Hat ein Text diese in grösster Sorgfalt vorgenommene Übertragung auf ein anderes Papier überlebt, war er gleichsam auch heilig - und das hiess nicht mehr hinterfragbar, quasi ein Signifikat ohne Signifikation. Aus diesem Prozess ist unser über Jahrhunderte gewachsenes Verhältnis zum Buch hervorgegangen. Nicht als einer autoritären Mission, die sich im Buchdruck erfüllt, sondern der unbedingten Gläubigkeit, im Gedruckten ein zumindest annäherungsweise gesichertes Wissen wiederzufinden. Und wer es etwas aufgeklärter will: Das Buch ist die Auslese aller denkbaren Gedanken und schreibbaren Sätze hin zu einem Sinn, der sachlich verifiziert werden kann oder ästhetisch empfunden.
(Aus: Neue Zürcher Zeitung, 21. Juli 2012, S. 21)


Mein Blog befasst sich in einem umfassenden Sinn mit dem Verhältnis von Wissen, Wissenschaft und Gesellschaft. Ein besonderes Augenmerk richte ich dabei auf die Aktivitäten des Medien- und Dienstleistungskonzern Bertelsmann und der Bertelsmann Stiftung.

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